Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für gebildete Stände (1847) / t_1371

V.’s [Wilhelm Vespermanns] erste Gattin, Clara, geborene Metzger, geb. 1799 in der Vorstadt Au zu München, wurde, als man ihre ausgezeichnete Stimme und ihr Gesangstalent kennen gelernt hatte, ihre Ältern aber weder Sinn noch Mittel hatten, das Mädchen zur Sängerin bilden zu lassen, von dem Kapellmeister Winter als Pfle­getochter angenommen. Im J. 1817 betrat sie die Bühne als Myrrha mit glänzen­dem Erfolge; Winter selbst begleitete sie dann auf einer Reise durch Deutschland, wo sie an allen großem Bühnen mit Auszeichnung sang. Ihre Ausbildung zu vollen­den, ging sie 1818 nach Italien und verdunkelte auch dort durch den Zauber ihrer Stimme die gefeiertsten Sängerinnen. Im J. 1820 kehrte sie nach München zurück und erhielt dort eine glänzende Stellung bei der Bühne; bald nachher verehelichte sie sich mit Vespermann, dessen Einwirkung auf ihren Vortrag höchst bedeutend war und ihr die künstlerische Vollendung gab. Leider starb sie hier schon im J. 1827.

Clara Metzger-V., wie sie sich nach ihrer Vermählung nannte, hatte eine Mezzoso­pranstimme von ziemlich weitem Umfange; allein sie wirkte weniger durch Höhe und Tiefe, weniger durch Kehlenfertigkeit und Gewandtheit, als durch einfache Na­türlichkeit ihres Gesanges, durch die kindliche Reinheit und Innigkeit ihrer Töne. Unschuld und ernste Naivetät hatten nie eine entsprechendere Darstellerin, so in der Stimme wie im Vortrage, in der herzgewinnenden Erscheinung wie in der Dar­stellung, in dem wahrhaft kindlichen Gemüthe wie im künstlerischen Ausdruck des­selben. Winter erklärte, er liebe seine »Myrrha« erst, seit Clara ihn gelehrt, sie ganz zu verstehen; Weber hielt sie für die einzige und unerreichbare Agathe, und be­hauptete, sie singe die süßeste Wehmuth in die Seele und die reinste Thräne in das Auge.

Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für gebildete Stände. Leipzig, 1847.


18-14-11/12 (Vespermann)