Allgemeine Deutsche Biographie (1905) / t_887

Heigel: Franz H., Miniaturmaler, geboren am 15. Mai 1813 zu Paris, † am 22. Juni 1888 in München. Sein Vater Joseph H. (geboren 1780 zu München, † 1837 eben­daselbst) stammte aus einer alten Münchener Künstlerfamilie, bildete sich unter den Eindrücken von Edlinger, Hauber, Kellerhoven und Klotz in der Malerei, wan­derte in jungen Jahren nach Paris, wo die Schätze einer halben Welt aufgespeichert lagen und cultivirte daselbst die Porträtmalerei, insbesondere das Miniaturbild. Au­ßer einem trefflich radirten Porträt Napoleon’s I. und seiner eigenen 1815 gemal­ten Contrafactur, welche auf der retrospectiven Jubiläumsausstellung zu München 1888 wieder auftauchte, ist uns nichts weiteres aus dieser Epoche Heigel’s be­kannt. Was er aber nach seiner 1819 erfolgten Rückkehr von den Ufern der Seine nach den Geländen der heimatlichen Isar malte, zeigt bei einer höchst subtilen Technik der Ausführung doch eine solche Freiheit, Frische und Schönheit, eine so geistvolle Charakteristik und Lebendigkeit, nebst einer Kraft der Farbe, daß die Anerkennung begreiflich erscheint, welche dem deutschen Meister in Paris zu Theil geworden. Er hatte sich daselbst mit einer Pariserin verheirathet und steckte so tief in der Bewunderung des damaligen Imperators, daß er seinen Sohn (eine Tochter wäre gewiß auf »Marie Louise« getauft worden) zu Ehren des Königs von Rom als Franz Napoléon benannte.

Nach dem Vorbilde und unter Anleitung des Vaters, welcher eine schöne Kunst­sammlung mitgebracht hatte, bildete sich nun in München sein Sohn zum Porträt­maler, hospitirte schon im Winter von 1827 auf 1828 die Akademie, begleitete dar­auf die Eltern zu einem längeren Aufenthalte nach Berlin und fuhr über Frankfurt und Darmstadt nach Paris, um nach dem Wunsche des Vaters bei Jean Guérin, dem berühmten Nestor der Miniaturmalerei, und durch den Besuch anderer Ateliers, wie z. B. Augustin und Isabey, sich weiter zu fördern. Bald stand der junge Künstler auf eigenen Füßen und folgte, das schöne Frankreich durchziehend, den von ver­schiedenen Seiten ergehenden Einladungen, weilte längere Zeit in Beaujolais bei Lyon, später in der Normandie und errang in der Exposition zu Rouen die große sil­berne Medaille.

Als H. zu Ende des Jahres 1835 nach München zurückkehrte, da schien es, als hätte man in den höchsten Kreisen nur auf den Maler gewartet: Alles drängte sich von ihm porträtirt zu werden. In kurzer Zeit hatte er sämmtliche Glieder des königli­chen Hauses unter seinen Pinsel gebracht, dazu eine Anzahl Koryphäen der Schön­heit, des Geistes und der Kunst. Beispielsweise entstanden die Porträts des Königs Otto von Griechenland, des Herzogs Maximilian von Leuchtenberg, des Feldmar­schalls Fürst Wrede, der Großherzogin Mathilde von Hessen und ihrer Schwester Adelgunde, der nachmaligen Herzogin von Modena, des Herzogs Maximilian, des­sen Gemahlin Louise und deren ganzen hohen Familie, aller Glieder des fürstlich Taxis’schen Hauses, der Königin Therese, Prinz Karl’s von Baiern, der Kronprinzeß Marie, der anmuthigen Sängerin Karoline Hetzenecker in ihrer hoheitsvollen Rolle als Katarina Cornaro (lithographirt von Dresely) – kurz: »Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen!«

Als H. zu Ende der 50er Jahre seine künstlerische Bilanz zog, zählte er schon über 800 von seiner Hand gemalte Bildnisse! Leider kam er erst 1836 auf den Einfall, à la Claude Lorrain ein »Liber veritatis« anzulegen und daselbst alle in den nächsten zwei Decennien gemalten Berühmtheiten einzuzeichnen – ein artistisches Tagebuch! Ebenso hatte sein Vater die meisten seiner oft kaum zollhohen Miniaturporträts durchgezeichnet und zu einer äußerst werthvollen Collection vereinigt.

Zwischendurch versah H. fünf Jahre lang das Amt eines Zeichnungslehrers bei den königlichen Prinzessinnen. Auch studirte er zum öfteren die Kunstschätze Oberitali­ens, so 1838 und abermals 1846, dieses Mal in Gesellschaft des als Kunstfreund be­kannten Oberst v. Barischnikow, wobei auch Florenz, Rom und Neapel auf der sechsmonatlichen Reiseroute durchgekostet wurden. H. stand damals auf der Höhe seines Rufes als Bildnißmaler. Da trat das Daguerreotyp und bald darauf die leicht­lebige Photographie in die Welt und drohte den Künstlern das Publicum abzuwen­den. Die vulgäre Ansicht, daß der anfangs so schwerfällige Apparat jede Kunstge­staltung entbehrlich mache, überwog schnell, so daß die Kunst vom Handwerk im Lebensnerv gefährdet schien. H. wurde im tiefsten Innern seines Bewußtseins ge­troffen und bäumte sich gegen die wohlgemeinte Insinuation, diese anscheinend feindselige Technik seinem besseren Wissen und Können dienstbar und unterthänig zu machen; er hätte, ohne seiner stolzen Künstlerehre etwas zu vergeben, doch vie­len Vortheil und mindestens große Zeitersparniß daraus gezogen. Statt dessen be­schloß er auf das Genrefach sich zu werfen und nach dem seitherigen Princip und Vortrag die in Belgien, England und bald darauf in Italien florirende Aquarellmalerei zu cultiviren. Nur übersah H. dabei, daß die in den genannten Ländern zu einem gedeihlichen Wirken nöthigen Factoren in Deutschland noch fehlten und die auf diesem Gebiete bei uns neu auftretenden Meister, wie Eduard Hildebrand, Theo­dor Horschelt, nur langsam und größtentheils durch die völlige Neuheit ihrer Stoffe das ungewohnte Publicum anziehen und dauernd fesseln konnten. Damit war der Weg für Werner und Passini siegreich gebahnt, die im ungequälten, freien Vortrag alle ihre Empfindungen und Wahrnehmungen aussprechen und festhalten konnten.

Um seine Leistungsfähigkeit zu beweisen, wählte H. eine Darstellung aus dem alt­bairischen Gebirgsleben, betitelt der »Schützenkönig«, wo ein frischer Oberländler den wohlverdienten silbernen Prunkpokal zur Verwunderung seines Weibes und zum Jubel seines Buben stolz in sein ländliches Heim überbringt. Doch fehlte der freie Zug, und nur zu fühlbar blieb das ängstliche Haften an den Modellen. Es war ein 53 Centimeter hohes und 60 Centimeter breites Miniaturblatt, wobei H. in mi­nutiöser Durchbildung das Möglichste leistete: mit peinlichstem Eigensinn schwelg­te der Künstler in seinen mikroscopischen Bacterien und Strichelchen und seiner homöopathischen Punktirmethode. Er hatte sich in München die erste Anerken­nung erwartet und das Bild im Kunstverein ausgestellt; nun lehnte gerade diese Anstalt das mit mehr als Jahresmühe hergestellte Werk des damals noch unge­wöhnlichen Preises (1200 Gulden) wegen ab. Wie man sagte erstand dasselbe noch am gleichen Tage ein edler Lord, der das Bild, statt es reisen zu lassen, eifersüchtig versteckte und jahrelang hinter einem Sopha verborgen, keinen Menschen sehen ließ. Mit hochmüthigem Künstlerstolze that H. gar nichts, um dasselbe durch Stich, Holzschnitt, Lithographie oder gar durch die verachtete Photographie reproduciren zu lassen, um seine Schöpfung dadurch bekannt oder populär zu machen. Es ver­ging spurlos, wie ein Schlag ins Wasser. Kein Mensch sah, was H. zu leisten ver­mochte. Die Schrulle des Käufers brachte dem Künstler den größten Schaden. Wenn der eigensinnige Besitzer das Bild hätte reisen lassen! Erst lange nach Hei­gel’s Tode tauchte es 1901 nochmals in München auf, um abermals spurlos zu ver­schwinden. Ein ähnliches Experiment widerfuhr auch einem späteren Bilde Heigel’s, einer orientalischen Schönheit.

So wurde der Maler aus lauter Verehrung völlig todtgeschwiegen. Gegen jede Ver­vielfältigung scheint H. entschiedenen Widerstand geleistet zu haben. Der »Schüt­zenkönig« existirte nur in einer schlechten, dilettantischen Photographie im kleins­ten Visitenkartenformat und kam nie in den Handel, obwol dieses Kaliber damals sehr populär und beliebt war. Doch erfolgte für H. eine freilich sehr kahle Anerken­nung in Form eines Ehrendiploms der »Société Belge des Aquarellistes« (1865) aus Brüssel für fünf einzelne Frauengestalten (europäische Länder-Typen), welche 1863 auf der internationalen Münchener Kunstausstellung »durch ungemein tief empfun­dene Charakteristik, treffliche Formgebung, Schönheit und Kraft der Farbe und Verwendung superiorer Technik als echte Perlen und ein wahrer Triumph der Mün­chener Kunst« begrüßt wurden (Franz Trautmann: Das Miniatur-Aquarell auf der In­ternationalen Kunstausstellung zu München, in Nr. 202 Morgenblatt z. Baierischen Zeitung, 25. Juli 1863). Da war eine mit südlicher Gluth im wogenden Tanze sich schwingende, graciöse Spanierin, eine anmuthige Sennerin in der kleidsamen Bregenzertracht, eine Zitherspielerin aus der Jachenau, eine Brautjungfer aus dem Berner Oberlande und eine römische Pilgerin. Die fünf Blätter bildeten ein wahres Programm, welches H. mit einigen Modificationen für Rußland, London und Ameri­ka noch öfters wiederholen mußte. Als weitere Ergänzung kamen später noch das große Kostümbild einer rumänischen Zigeunerin, einer Neapolitanerin und einer schönen Münchnerin in früherer Tracht. Auch wiederholte H. die ganze Serie noch einmal als »Erinnerungen« in einer mehr breiten und freieren Manier, welcher er sich jedoch nur ungern und widerstrebend anbequemte.

Im August 1865 wurde H. nach Schwangau berufen, um das Bildniß König Ludwig’s II. zu malen. Später erging die Bestellung, den großen Freskencyklus, welchen M. Echter zum »Ring des Nibelungen« geschaffen hatte (s. A. D. B. XLVIII, 253) und noch einige Bilder zu dessen »Tristan und Isolde« in Aquarell zu copiren, eine gleichfalls wieder sehr minutiös durchgeführte Arbeit, welche Heigel’s Thätigkeit, da einzelne Blätter wiederholt werden mußten, über ein volles Decennium in An­spruch nahm.

Dazwischen erfolgte seine Ernennung zum Hofmaler (1869), die Verleihung der neugestifteten Ludwigs-Medaille (1872) und des Ritterkreuzes I. Classe vom hl. Mi­chael (1883). Das Porträtfach übte H. zeitweise immer noch; so malte er 1874 ein Bildniß der k. k. Prinzeß Gisela mit ihrem Erstgeborenen als Wickelkind im Arm (1874), die Prinzeß Ludwig und in der Folge alle Prinzen und Prinzessinnen dieser hohen Familien, auch entstand das große Aquarell »In der Maskenloge« (1884), als Erinnerung aus früher Jugendzeit. Kurz zuvor beging die Münchener Kunstgenos­senschaft Heigel’s siebzigsten Geburtstag durch besondere Feier.

Leider war der Lebensabend Heigel’s von manchen Trübsalen heimgesucht. So hat­te er das Unglück, daß sein einziger Sohn, gerade als derselbe seine Wirksamkeit als Arzt beginnen wollte, plötzlich den Eltern und seiner Braut entrissen wurde (1882). Kein Wunder, daß der tieferschütterte Vater bald eine Abnahme seines Au­ges und der Sicherheit und Ruhe seiner Hand bemerkte – eine Wahrnehmung, wel­che den mit der größten Begeisterung an seiner Kunst hängenden Maler mit me­lancholischer Schwermuth erfüllte. Nach schwerem Leiden erlag er den Folgen ei­nes Schlaganfalls. H. war eine edle, noble, neidlose Natur, ein unwandelbarer, lau­terer Charakter und Ehrenmann. Ihm gebührt jedenfalls der Nachruhm, das Höchs­te und Beste angestrebt und mit den ihm verfügbaren Mitteln erreicht zu haben.

Vgl. Vincenz Müller, Handbuch v. München, 1845, S. 136. Nagler, 1838. VI, 58. Real-Encyklopädie. Regensburg 1869. VII, 391. Fr. v. Bötticher, 1895. I, 481. Singer, 1896. II, 149 (8 Zeilen!) Nr. 231 Allg. Ztg., 20. Aug. 1888. Kunstvereins-Ber. f. 1888, S. 66. Luise v. Kobell, König Ludwig II. und die Kunst, 1898, S. 156 ff.

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1905.


39-01-01 (Heigel)