Allgemeine Deutsche Biographie (1904) / t_711

Dollmann: Georg von D., Hof-Oberbaudirector, geboren am 21. October 1830 zu Ansbach, † am 31. März 1895 in München, Sohn eines subalternen Beamten, studir­te am Gymnasium seiner Vaterstadt, kam 1846 nach München in das Haus seines älteren Bruders, des als Criminalisten, Hofrath und Universitätsprofessor berühm­ten Karl Friedrich v. D. (geboren am 10. October 1811 zu Ansbach, † am 9. Januar 1867 zu München); besuchte die Polytechnische Schule und die Akademie der bil­denden Künste; trat 1854 in den Eisenbahndienst und war als Bezirksingenieur län­gere Zeit mit Ausführung von Staatsbahngebäuden, z. B. bei der Sinnthalbahn und beim Umbau des Bahnhofs Gemünden thätig.

Leo v. Klenze erkannte in dem jungen Mann dessen reiche Begabung und nahm ihn in sein Bureau. Nach Klenze’s Ableben (27. Januar 1864) erhielt D. die Vollendung der Befreiungshalle, den Ausbau der russisch-griechischen Capelle zu Baden-Baden für den Fürsten Sturdza und für König Ludwig I. den Ausbau des assyrischen Saales im Hofe der kgl. Glyptothek. Im Auftrage König Max II. entwarf D. ein prächtiges, zur Verschönerung Münchens geplantes, leider nicht realisirtes Project für einen großartigen, mit Arkaden und Risaliten besetzen Bau (die sorgfältig colorirte Fe­derzeichnung in der sogen. Maillinger-Sammlung der Stadt München). Sodann be­gann D. die Herstellung von verschiedenen Staatsgebäuden und Villen nach eige­nen Entwürfen und den Bau der neuen Stadtpfarrkirche in Giesing, welcher von 1866 bis 1883 währte und durch den Baumeister Hans Gräßel glücklich vollendet wurde.

Also wohl vorbereitet trat D. 1868 als Architekt in den Dienst König Ludwig II. und wurde rasch zum Hofrath, Hofbau-Intendanzrath und Hofbaudirector befördert. Wirklich erstaunlich ist die Vielseitigkeit, womit D. den Wünschen des gewaltigen Bauherrn zu genügen wußte, wie der schöpferische Künstler zugleich im strengen Spitzbogenstile an der Giesinger Kirche und im hochromantischen Schlosse Neu­schwanstein, in der zierlichen Renaissance des Linderhofes und mit den Nachah­mungen von Versailles im Prunkbau auf Herrenchiemsee in originellster Weise sich bethätigte. Ebenso bewundernswerth bleibt es, wie D. adäquate Kräfte zu gewin­nen und seinen Ideen dienstbar zu machen verstand, darunter in erster Reihe der geniale, in allen Stilarten sattelgerechte phantasievolle Julius Hofmann (welcher nach Dollmann’s Abgang 1884 als königl. Oberhofbaurath an dessen Stelle rückte, aber schon am 5. August 1896 aus dem Leben schied).

Daß eine so aufreibende, von der königlichen Gnade huldreich überglänzte, mitun­ter auch durch bittere Erfahrungen gewürzte Thätigkeit den vollen Kräfteaufwand eines Mannes erheischte, ist leicht verständlich, ebenso aber auch, daß selbst stahl­feste Nerven in Vibration gebracht werden können. Als D. 1884 in den Ruhestand trat, genoß er nur kurze Zeit die schwerverdiente Muße, Leiden aller Art arbeiteten an der Zerstörung dieses anscheinend eisernen Organismus. Dazu gehörte auch der Schlag, daß seine edle Gattin Eugenie Félicité Sophie, eine Enkelin des be­rühmten Leo v. Klenze, eine durch ihre charitativen Bestrebungen hochverdiente Dame, zu Ende des Jahres 1894 aus dem Leben schied. Seitdem war der Künstler ein völlig gebrochener Mann.

Vgl. Maillinger, Bilder-Chronik 1876. III, 113 (Nr. 1969). – Fr. Pecht, Geschichte d. Münchener Kunst. 1888, s. 298 ff. – Nekrolog im Abendblatt Nr. 92 d. Allgem. Zei­tung v. 2. April 1895. – Luise von Kobell, König Ludwig II. u. die Kunst. 1898.

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1904.


NA-112 (Dollmann)