Allgemeine Deutsche Biographie (1902) / t_534

Beckers: Hubert Karl Philipp B., geboren am 4. November 1806 zu München, † am 10. (nicht 11.) März 1889 ebendort. Sein Vater war der Oberappellationsgerichts­rath und nachmalige Geheimrath Fr. X. B. († 1856), seine Mutter Magdalena († 1809), die Tochter des Geh. Referendärs im Finanzministerium Hubert v. Steiner.

1825/26 studirte er am Lyceum und seit 1826/27 an der Universität zu München, die damals von Landshut herüberverlegt worden war. Zuerst wandte er sich der Ju­risprudenz zu (Erstlingsarbeit: »Ueber die Rechte der bayer. Ständeversammlung in Beziehung auf Wünsche und Anträge an die Regierung.« München 1828. Anonym), später der Philosophie. Eifrig betheiligte er sich Ende der zwanziger Jahre an den Bestrebungen nach Reform des Studentenlebens und half »die allgemeine akade­mische Gesellschaftsaula« (1829-1830) gründen, welche den lauten Beifall des da­maligen Rectors Thiersch fand (Allgemeine akad. Zeitschrift f. d. gesammte Leben auf Hochschulen. Herausgegeben in Verbindung mit Pistor, München 1829). Ein Ge­denkblatt vom J. 1884 gewährt in die Geschichte der »Aula« Einblick. Seitdem sich B. in der Philosophie Schelling zum »Lehrer und Meister« erkoren hatte, blieb er dem Fache und der Richtung des »letzten Systems« immerdar treu. Schelling selbst führte B. in seiner Vorrede zu Victor Cousin’s Buch Ueber französische und deut­sche Philosophie (Stuttg. 1831, nicht 1833) in die gelehrte Welt ein (vgl. Artikel über Schelling S. 23). 1830 promovirte B. mit einer Inauguralabhandlung »Ueber das Wesen des Gefühls« (43 S.). Er sieht nach Lösung »theo- und kosmogonischer Vorfragen« im Anschluß an Schelling’s Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit u. s. w. im Gefühle »das dunkle Princip«, »den ewigen Grund« »zu aller lebendigen Schöpfung« und meint, Schelling habe gerade das, was in aller Mystik von jeher gewaltet, den dunklen Grund aller Existenz zur Er­kenntniß gebracht. Die Lehre von dem Seelenvermögen gilt ihm als verwirrend. Seine quaestio inauguralis handelt »über die Emancipation der Philosophie« (hand­schriftlich vorhanden). Am 31. October 1831 vertheidigte er zum Zwecke der Habi­litation eine »Dissertatio de Cartesii tractatu de methodo recte utendi ratione et veritatem in scientiis investigandi« (14 Quarts., gedruckt in München bei J. Rösl). Er will darin in einer Untersuchung der Descartes’schen Lehre seine eigene Methode darlegen; am Princip des Descartes bemängelt er vor allem, daß der Dualismus zwi­schen Denken und Sein darin nicht zu lebendiger Identität vermittelt werde, son­dern eine willkürliche Vermischung beider Gegensätze stattfinde, daß die gesuchte Einheit durch die bloße Vernunft erfaßt werde, während doch selbst die auf die Spitze getriebene Vernunft nicht genüge, die Existenz zu erzeugen, und daß die so construirte Wissenschaft für eine objective und positive ausgegeben werde.

Als Privatdocent fand er großen Anklang, ging jedoch schon bald an Stelle Nüß­lein’s als ordentlicher Professor der Philosophie an das Lyceum nach Dillingen, da die Aussichten auf eine Universitätsprofessur damals geringe waren, und eröffnete am 8. November 1832 dort seine Vorlesungen mit einer Antrittsrede »Ueber das Verhältniß der Philosophie zur Gegenwart«. Dort war Deutinger sein Schüler. 1874 ward er an die Universität München auf die durch Erhard’s (Vater des späteren Mi­nisterialdirectors E.) Tod erledigte ordentliche Professur berufen und lehrte dort bis ins Greisenalter. Seine Vorlesungen bezogen sich auf Einleitung in die Philosophie, Geschichte der Philosophie, Logik, Metaphysik, Psychologie, praktische Philoso­phie (Ethik und Politik), Religionsphilosophie, Rechtsphilosophie und Theorie der Tonkunst.

Seine schriftstellerische Thätigkeit war nach eigener Aussage nur dem Gebiete der reinen (negativen wie positiven) Philosophie gewidmet, nicht auch jenem der ange­wandten Philosophie und der Philosophie der Geschichte (Philosophie der Mytho­logie und Offenbarung); erstere betrachtete er als ganz unabhängig und hielt de­ren nähere Entwicklung und Erläuterung – namentlich der Potenzen- und Principien­lehre – für seine Hauptaufgabe. Die Philosophie als exacte Wissenschaft zu betrach­ten lehnt er aber ab, da Gegenstand exacter Beobachtung nur äußerlich erkennba­re Thatsachen seien, die nach nothwendigen Gesetzen verlaufen. Der Zweck- und noch mehr der Freiheitsbegriff, der allein das Irrationale in der Welt erklären kann, liegen schon unendlich weit über alle exacte Beobachtung hinaus.

Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind ihm noch »die drei großen Gegenstände al­les menschlichen Glaubens und Wissens«, »das wahrhaft Wissenswerthe«, der mo­derne Pantheismus wie der Materialismus »Verirrungen« (s. besonders »Ueber die Stellung der Philos. zu den exacten Wissenschaften etc.«, München 1861). Die zahl­reichen Abhandlungen, Reden, Aufsätze und Recensionen, sowie ein besonderes publicum Beckers’ sind vorwiegend der Vertheidigung und Verbreitung des Schel­ling’schen Systems aus dessen letzter Periode geweiht. Schelling ermächtigte ihn, seine in den Münchner Vorlesungen gegebene Unsterblichkeitslehre in den »Mitt­heilungen aus den merkwürdigsten Schriften der verflossenen Jahrhunderte über den Zustand der Seele nach dem Tode« (Augsburg 1835-36) in den Grundgedan­ken zu veröffentlichen, und nannte ihn noch in seinen letzten Tagen »einen seiner einsichtsvollsten Zuhörer«. 22 Briefe Schelling’s an B. aus den Jahren 1833-1853 sind mit Anmerkungen und Erläuterungen versehen, im dritten Band von Schel­ling’s Leben (Leipzig 1870) abgedruckt.

War seine akademische Wirksamkeit auch fruchtbar und bot sie wol besonders dem umsichgreifenden Materialismus seiner Zeit ein Gegengewicht (vgl. übrigens auch »Jakob Böhme, Schelling, Darwin.« Allg. Zeitung 1883, Beil. Nr. 34 u. 35, Hauptbl. Nr. 36), so lag ihm doch der Versuch einer principiellen Selbständigkeit des Systems ferne und es gelang ihm nicht, die allgemeine Fortentwicklung der Philosophie zu beeinflussen oder zu bestimmen.

Die Unsterblichkeitslehre war der Lieblingsgegenstand seiner philosophischen Be­trachtung. 1835 und 1836 erschienen Schriften von ihm über dieses Thema. 1854 stellte er für König Maximilian II. in dessen Auftrag »Die Stimmen der Vorzeit über den Unsterblichkeitsglauben« zusammen (handschriftlich vorliegend) und im Vorge­fühl des Todes veröffentlichte er die »Aphorismen über Tod und Unsterblichkeit« (München 1889). Auf »das geistige Doppelleben« beziehen sich zwei Schriften (Leipzig 1856 u. München 1860), auf Geschichte der Philosophie ein Dillinger Pro­gramm (1839) und ein »Repertorium« (Nürnberg 1839 u. 1840), auf die Fragen der Hochschulpädagogik eine Festrede (1862) und ein Aufsatz (Allg. Ztg. 1878, Nr. 194): vgl. »Stimmen über das deutsche Studien- und Prüfungswesen« (Ao. Beil. z. Allg. Ztg. 1836, Nr. 394-395).

Nicht nur die Philosophen Schelling und Fichte, sondern auch die Philologen Friedr. Thiersch und Leonhard Spengel feierte er in Gedächtnißreden. Selbst Katholik, wollte er eine »katholische Philosophie« nicht anerkennen (Allg. Ztg. 1882, Nr. 86). Mehrere Auflagen (1845-1847, 1865, 1869) erlebten die Cantica spiritualia, eine quellenmäßige Sammlung von Chorälen und geistlichen Liedern aus älterer Zeit in vierstimmiger Bearbeitung ihrer Singweisen (anonym). Zu öffentlichem Vortrage gelangte ein von ihm gedichtetes wie componirtes »Deutsches Reichslied« (1876 und 1879). Drei seiner Schriften erschienen anonym.

B. war eine reiche, vielseitig angeregte und anregende, gesellig veranlagte Natur (s. Ao. Beil. d. Allg. Ztg. 1831, Nr. 350-351) und vermochte es zugleich durch eine angenehme Darstellungsweise zu fesseln. An Anerkennung fehlte es ihm nicht. 1853 wählte ihn die bairische Akademie der Wissenschaften zum ordentlichen Mit­glied; seine meisten Schriften gingen aus deren Verlag hervor. 1861/62 führte er das Rectorat der Münchner Universität. Er war Ritter 1. Classe des Verdienstordens vom heil. Michael und Inhaber des Ehrenkreuzes des Ludwigsordens.

Seine Ruhestätte ist der alte (südliche) Friedhof zu München. Dort ruhte seit 1887 seine ihm 1834 angetraute Gattin Genovefa, die Tochter des gräflich Haslang’schen Güteradministrators Greiderer aus München. Seine einzige Tochter Franziska ver­mählte sich 1854 mit dem späteren Vorstand der Staatsschuldentilgungscommissi­on Dr. Moritz v. Jungermann.

Beckers’ Bibliothek und handschriftlicher Nachlaß (23 Fascikel Biographica, darun­ter Tagebücher, Correspondenzen und Stammbuchblätter, außerdem die Vorlesun­gen und Abhandlungen) sind im Besitze der Münchner Universitätsbibliothek. Eige­ne Aufzeichnungen Beckers’ sind für die vorliegende wie für die Biographien der Lexika, Zeitungen (Allg. Ztg. 1889, Nr. 70) und der Münchner Stadtchronik Haupt­quelle. Seine Schriften sind fast vollständig im Almanach der bayer. Akad. d. Wis­senschaften f. d. Jahr 1884 (Verlag d. Akademie), S. 177-182 verzeichnet.

Adolf Dyroff.

Adolf Dyroff: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1902.


10-10-23/24 (Beckers)