Allgemeine Deutsche Biographie (1900) / t_1448

Zuccarini: Joseph Gerhard Z., Botaniker, geboren zu München am 10. August 1797, † ebendaselbst am 18. Februar 1848. Zuerst durch häuslichen Unterricht, sodann auf dem Gymnasium und dem Königl. Lyceum seiner Vaterstadt vorgebildet, bezog Z. 1815 die Universität Erlangen, behufs Studiums der Medicin, nachdem er bereits als Gymnasiast durch fleißige Excursionen in die Umgebung Münchens sich eine nicht gewöhnliche Kenntniß der heimathlichen Fauna und Flora angeeignet hatte. Die natutwissenschaftlichen Fächer blieben denn auch die bevorzugten Gegenstän­de seines Studiums, wohl zumeist infolge der Anregung, welche der vielseitig ge­lehrte und geistreiche Erlanger Professor Christian Nees v. Esenbeck (s. A. D. B. XXIII, 368) auf ihn ausübte. Im Herbste 1819 nach München zurückgekehrt, widme­te sich Z. ausschließlich der Botanik. Unter der Leitung des greisen Franz v. Paula v. Schrank (s. A. D. B. XXXII, 450) beschäftigte er sich im botanischen Garten mit sys­tematischen Arbeiten, durchforschte auch auf mehrfachen Wanderungen einige weniger bekannte Gegenden der bairischen Alpen. Als im December 1820 die bai­rischen Naturforscher Spix und v. Martius (s. A. D. B. XX, 519) aus Brasilien zurück­kehrten, erhielt Z. den Auftrag, an der Bearbeitung des mitgebrachten reichen Pflanzenmaterials Antheil zu nehmen. Im J. 1823 zum Adjuncten der Akademie der Wissenschaften und zum Lehrer der Botanik am Königl. Lyceum ernannt, übernahm er bereits im folgenden Jahre nach Errichtung der medicinisch-chirurgischen Lehr­anstalt zu München an dieser ein Lehramt, und als 1826 die Universität von Lands­hut nach München übersiedelte, die Stelle eines außerordentlichen Professors der landwirthschaftlichen und Forstbotanik. 1835 rückte er zum Ordinarius auf, erhielt 1836, nach v. Schrank’s Tode, die Bestallung als zweiter Conservator des botani­schen Gartens und wurde 1839 zum ordentlichen Mitgliede der bairischen Akade­mie der Wissenschaften gewählt. Während seiner Wirksamkeit in diesen Stellungen unterbrach Z. die Arbeiten seines Berufes eigentlich niemals. Denn auch gelegentli­che Ausflüge nach Tirol und in verschiedene Theile Oberbaierns, sowie einige grö­ßere Reisen in die Schweiz, nach Oberitalien, nach Berlin, Wien und den Niederlan­den dienten nur zur Förderung seiner Studien. Eine unermüdliche litterarische Thä­tigkeit förderte eine Reihe werthvoller Arbeiten zu Tage, welchen die Anerkennung nicht versagt blieb. Sie fand ihren Ausdruck in seiner Ernennung zum Mitgliede und Ehrenmitgliede zahlreicher gelehrter Gesellschaften des In- und Auslandes. Ein trefflicher akademischer Lehrer, heiteren und lebhaften Temperaments, dessen tie­fes Empfinden sich gelegentlich auch in poetischen Ergüssen aussprach, ein liebe­voller Familienvater, wurde Z. tief betrauert, als ein Lungenleiden im 51. Jahre seines Lebens seinem Schaffen ein frühzeitiges Ziel setzte.

Zuccarini’s bedeutendste litterarische Leistungen in der Botanik liegen auf dem systematischen Gebiete. Im Geiste der von Rob. Brown, Jussieu und Decandolle in die Wissenschaft eingeführten Classificationsmethode, welche sich nicht damit be­gnügte, die einzelnen Pflanzengestalten nach ihren habituellen Unterscheidungs­merkmalen zu beschreiben, sondern darauf ausging, in dem System zugleich auch den Ausdruck einer genetischen Entwicklungsreihe des Pflanzenreichs zu finden, betheiligte sich auch Z. durch seine Arbeiten an dem weiteren Ausbau der systema­tischen Botanik. Ein scharfes Beobachtungstalent, Klarheit und Unbefangenheit des Urtheils verbanden sich bei ihm mit einer frischen und plastischen Darstellungswei­se, sodaß seinen Schriften ein bleibender Werth gesichert ist. Seine erste Arbeit war die Beschreibung einer Reihe von Pflanzengattungen aus den von Martius mit­gebrachten Schätzen, veröffentlicht in dem ersten Bande der »Nova Genera et spe­cies plantarum Brasiliensium« 1823. Es folgten dann einige Monographien, wie die der amerikanischen Oxalis-Arten 1825, nebst einem Nachtrag dazu 1831, und der Cacteen, die beiden ersten als Sonderabdrücke aus den Denkschriften der Mün­chener Akademie (Band IX u. X), ferner eine Reihe ebendort publicirter kleinerer Abhandlungen unter dem Titel: »Plantarum novarum vel minus cognitarum, quae in horto botanico herbarioque regio Monacensi servantur« in 4 Fascikeln 1837-40 (Bd. X, XIII, XIX u. XXII der Denkschriften), welche Pflanzen aus Brasilien, Madagaskar, Mexiko und aus der Levante behandeln. Der Organographie und Morphologie an­gehörig sind folgende Arbeiten Zuccarini’s: »Charakteristik der deutschen Holzge­wächse im blattlosen Zustande. Mit Abbildungen von Sebastian Munsinger.« 2 Hef­te, 1823-31; »Beiträge zur Morphologie der Coniferen« (Denkschr. d. Münch. Akad. Bd. XVI); »Ueber zwei merkwürdige Pflanzenmißbildungen« 1844 (ebenda Bd. XIX). Ein großes Verdienst erwarb sich Z. durch seine ausgezeichnete Bearbeitung der Flora Japans. Der Naturforscher Ph. Fr. v. Siebold hatte während eines mehrjähri­gen Aufenthaltes in Japan (1824–30) eine sehr ausgedehnte und wissenschaftlich hochbedeutende Pflanzensammlung aufgebracht, welche zugleich mit zahlreichen, an Ort und Stelle aufgenommenen Notizen und vielen Zeichnungen, sowie späte­ren, von Siebold’s Begleiter Dr. Bürger gesammelten Nachträgen, Z. als Material zur Bearbeitung überwiesen wurde. Er übernahm, unterstützt von tüchtigen Mitar­beitern, die Redaction des Ganzen mit großem Geschick und lieferte ein iconogra­phisches Prachtwerk, das nicht nur durch die thatsächliche Bereicherung unserer Kenntnisse der Flora Japans, sondern ebenso sehr auch durch die neuen Aufschlüs­se über die pflanzengeographischen Beziehungen dieser Inselwelt zu den übrigen Ländern einen großen allgemeinen Werth gewonnen hat. Die Zahl der von Z. mit Sicherheit bestimmten phanerogamischen Arten beläuft sich auf 1650, die zu 621 Gattungen und 172 Familien gehören. Er glaubt, daß sich im ganzen wohl mehr als 2400 Blüthenpflanzen, etwa zu 700 Gattungen gehörig, nachweisen lassen werden. Das in Rede stehende Werk erschien unter dem Titel: »Flora japonica s. plantae, quas in imperio japonico collegit, descripsit, ex parte in ipsis locis pingen­das curavit Dr. Ph. Fr. de Siebold« von 1835 an sectionsweise, der erste Band voll­ständig, vom zweiten Bande bis zum Jahre 1844 5 Hefte. Als Ergänzung reihen sich daran mehrere in den Denkschriften der Münchener Akademie niedergelegte Ab­handlungen Zuccarini’s (Bd. XVI u. XIX). Mit gleichem Eifer wandte sich Z. auch der Erforschung der vaterländischen Flora zu. Einen wesentlichen Beitrag dazu lieferte er in der »Flora der Gegend um München«, von welcher 1829 der erste Theil, die 11 ersten Classen des Linné’schen Systems umfassend, erschienen ist. Eine Fortset­zung dieser Arbeit unterblieb, weil die floristischen Werke von Reichenbach, Kittel und Koch das Bedürfniß nach einem derartigen Handbuch verringert hatten. Es war aber stets Zuccarini’s Wunsch gewesen, alle Specialfloren von Deutschland mit Koch’s berühmter Synopsis in Beziehung zu setzen, worüber er sich in einem Auf­satze in der Flora von 1835 gelegentlich äußerte. Er veröffentlichte selbst auch ei­nige auf Pflanzengeographie und -Statistik bezügliche Beobachtungen in derselben Zeitschrift 1821, 1824 und 1831. In einer in der Akademie 1833 vorgetragenen Rede: »Ueber die Vegetationsgruppen in Baiern« gab Z. ein treffendes Bild von der Vertheilung des Pflanzenreichs in seinem Vaterlande und zeigte darin, wie man wis­senschaftliche Beobachtungen auch den Zwecken einer rationellen Bodencultur nutzbar machen könne. Ueberhaupt schätzte er das Wissen auch seiner praktischen Verwerthung wegen. Er hielt viel auf populäre Darstellungsweise. Davon zeugt sein: »Leichtfaßlicher Unterricht in der Pflanzenkunde für den Bürger und Land­mann« 1834, ein Buch, welches in vermehrter und verbesserter Auflage als »Natur­geschichte des Pflanzenreichs« 1843 herauskam und den zweiten Band von J. A. Wagner’s Handbuch der Naturgeschichte bildet. In ähnlicher Weise sind mehrere kleinere Aufsätze geschrieben und an verschiedenen Orten veröffentlicht (vgl. Mar­tius‘ Denkrede auf Z. S. 23), worin bald örtliche Interessen verhandelt, bald allge­mein menschliche Beziehungen zum Pflanzenreiche geschildert werden. In den Münchner Gelehrten Anzeigen befinden sich seit 1835 viele, größtentheils an die Beurtheilung fremder Arbeiten angeknüpfte Aufsätze, welche jedoch soviel Eige­nes enthalten, daß sie als Originalarbeiten aufzufassen sind. Der poetischen Bega­bung Zuccarini’s ist bereits gedacht worden. Einige wenige seiner Dichtungen sind durch den Druck bekannt geworden in der Sammlung »Kleeblätter, Lieder dreier Geschwister«, 1839. Eins seiner schon während seiner Erlanger Universitäts­zeit gedichteten Lieder (»Es schlingt sich die Runde« u. s. w.) ist in den Liederschatz der deutschen akademischen Jugend aufgenommen worden.

Carl Friedr. Phil. v. Martius, Denkrede auf J. G. Zuccarini, München 1848. – Bot. Ztg. 1848. – Pritzel, thes. lit. bot. –.

E. Wunschmann.

E. Wunschmann: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1900.


↑ 01-01-18 (Zuccarini)