Allgemeine Deutsche Biographie (1895) / t_1372

Vespermann: Clara V. geborene Metzger, seit 1821 mit Wilhelm V. verheirathet, hat­te der deutschen Opernbühne kaum ein Jahrzehnt angehört, als sie am 6. März 1827 in der Blüthe ihrer Jahre und ihres Ruhmes starb. 1799 als armer Leute Kind in der Au bei München geboren, kam sie frühzeitig in Berührung mit dem Theater und erregte durch ihre Stimme die Theilnahme des Hofcapellmeisters Peter v. Winter, der sie als Pflegetochter in sein Haus nahm und sie sorgfältig für den Sängerberuf vorbereitete. Nachdem sie im Winter 1814/15 im Concert die ersten Proben ihres Könnens abgelegt, wagte sie im Frühjahr 1816 als »Myrrha« im »unterbrochenen Opferfest« den ersten Schritt auf die Bühne. Da trotz des Erfolges München ihr im Augenblick keinen Wirkungskreis bieten konnte, begleitete sie ihren Lehrer auf Kunstreisen nach dem nördlichen Deutschland, sang mit Beifall in den von ihm zu Leipzig und Dresden veranstalteten Concerten und wandte sich im Winter 1816/17 mit ihm nach Italien, wo sie zu Venedig, Mailand und Genua in den von Winter ge­schriebenen Opern »Mahomet« und »J due Valdomiri« durch ihre weitgediehene Coloraturfertigkeit sich Bewunderung erwarb. 1819 wurde sie für die Münchner Hofoper verpflichtet und machte sich hier zunächst durch ihre Wiedergabe einiger Rollen der älteren italienischen Oper, wie Paisiello’s »Molinara«, Zingarelli’s »Ro­meo« einen Namen, die größten Erfolge aber erzielte sie bald mit den Bravourpar­tien der damals in Mode gekommenen Rossini’schen Opern. Als Rosine, Desdemo­na, Tancred, als Boiëldie’s Prinzessin von Navarra und Mozart’s Zerline eroberte sie 1820 und 21 auch die Gunst der verwöhntern Wiener, die ihrem in allen Lagen schön ausgeglichenen, quellenden Mezzosopran, ihrer Leichtigkeit in Rouladen und Passagen und ihrer Anmuth und Unerschöpflichkeit im Verzieren und Verändern ein ganz besonders feines Kunstverständniß entgegenbrachten. Der Geschichte der »deutschen Oper« gehört Clara Metzger-V. als erste Agathe der Münchener Bühne an; Weber selbst soll ihre Leistung in dieser schwierigen Rolle als einzig und uner­reichbar bezeichnet haben. Ein halbes Jahr nach ihrem Tode, der in München die aufrichtigste Trauer hervorrief, heirathete Wilhelm V. ihre Collegin Catharina Sigl, die von nun ab den Namen Sigl-Vespermann führte.

Heinrich Welti: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1895.


18-14-11/12 (Vespermann)