Allgemeine Deutsche Biographie (1891) / t_1275

Schwanthaler: (Franz) Xaver S., Bildhauer, geb. am 16. Novbr. 1799 zu Ried, lernte bei seinem Vater Peter S., kam dann zu seinem Oheim Franz S. nach München und nach dessen Ableben in das frisch aufblühende Atelier seines alsbald berühmt ge­wordenen Neffen Ludwig S., wo er sein Talent bei der Ausführung der diesem ge­wordenen großartigen Aufträge in fleißiger Weise bethätigte. Ebenso bewährt als tüchtiger und unermüdlicher Techniker wie begabt mit einer unverwüstlich heiteren Laune stand er seinem jüngeren Meister als ausführende Hand, als Modelleur und Bildhauer in steter Treue bei, wie er auch nach der Mühe und Arbeit des Tages als fröhlicher Becherschwinger mit allzeit bereitwilligem Humor auf die tapferen Inten­tionen der Humpenburg-Ritter einging und die allgemeine Freude niemals beein­trächtigte oder verdarb.

Mit dem unschätzbaren Talent, jede, auch die leiseste Andeutung seines Neffen ar­tistisch aufzufassen und verständnißinnigst zu gestalten, leistete er fast bei allen, aus dessen Atelier kommenden Arbeiten die treueste Beihülfe. Er that, was er konnte und wie er die Dinge sah, ohne auf tiefere und classische Formgebung grö­ßeres Gewicht zu legen; er dirigirte alle die Mitarbeitenden und hielt sie in Athem, Zucht und fliegender Thätigkeit. So hat er an den von Meister Ludwig S. errunge­nen Ehren seinerseits nicht geringen Antheil, ebenso aber auch an allen gegen Schwanthaler erhobenen Vorwürfen. Ludwig S. nannte ihn stets seine »rechte Hand« und versagte ihm nie die Anerkennung, welche er ihm schuldig zu sein voll überzeugt war.

König Ludwig wußte den Namen »Schwanthaler« auch in dem Zurückgebliebenen zu schätzen. Merkwürdigerweise fand Xaver S. trotz der im Atelier seines Neffen verbrachten Wirksamkeit immer noch Zeit, zweiundzwanzig Jahre hindurch als Leh­rer des Modellirens an der städtischen Feiertagsschule thätig zu sein und außer­dem selbst eigene Werke zu schaffen. Dazu gehören außer vielen ornamentalen und figürlichen Arbeiten in den Räumlichkeiten der k. Residenz (Plafonds, Camin-Schmuck u. s. w.) und verschiedenen Statuetten (Jörg Ganghofer als Baumeister der Münchener Frauenkirche; König Ludwig, General Waldstein, Ludwig Schwan­thaler) auch die colossalen Büsten der Kaiser Friedrich II., Karl V. und des Tondich­ters Mozart für die Walhalla. Ferner lieferte er eine colossale Christus-Statue für das Kloster Weingarten und als weiteres Erbe von seinem Neffen, die Ausführung der beiden Giebelfelder an den Propyläen: König Otto thronend inmitten der wie­der beruhigten Hellas (14 Figuren, Ostseite); der Freiheitskampf Griechenlands, mit dem glücklichen Siegeserfolge (17 Figuren, Westseite); dazu kommen noch vier Flachreliefs an den beiden Pylonen, darstellend die Kämpfe der Griechen gegen die Türken. Indessen überraschte ihn vor Vollendung der zum zweiten Giebel be­stimmten letzten Gruppe, schon am 24. September 1854 der Tod (vgl. Raczynski II, 507. Nagler 1846. XVI, 114. Nekrolog in Beilage 234 zur »Münchener Zeitung« vom 2. October 1854 und im Kunstvereins-Bericht für 1854 S. 52. Wurzbach 1876. XX­XII, 282 ff.).

Er hinterließ einen Sohn Rudolf Schwanthaler, geboren am 4. April 1842, welcher sich erst auf der Münchener Akademie unter Professor Max Widnmann zum Künst­ler bildete, dann bei Johann Halbig und später zu Dresden unter Ernst Rietschel hospitirte. Zurückgekehrt 1866 von einer italienischen Reise, übernahm er die Füh­rung des von Fremden häufig besuchten Schwanthaler-Ateliers, wo die Erzeugnisse seines großen Vorfahren in sogen. Biskuit-Abgüssen (aber auch viele Arbeiten Thorwaldsen’s, wie die Reliefs »Tag« und »Nacht«), immer bereitwillige Abnehmer und Käufer fanden. Auch in eigenen Arbeiten versuchte sich der letzte Träger die­ses illustren Namens, entwarf Darstellungen zu Vergil’s Aeneide, auch einige bibli­schen und allegorischen Figuren (Korb mit Kindern, allerlei Mädchen- und Frauen­gestalten, ferner die treffliche Portraitbüste des Komponisten Max Kunz für dessen Denkmal am südlichen Friedhof und ebendaselbst das allegorische Monument für den berühmten Japan-Forscher v. Siebold). Weitere Pläne vereitelte sein früher, am 27. April 1879 erfolgter Tod. Aus seinem Nachlasse wurde die von Ludwig Schwan­thaler gesammelte kleine Gallerie von Oelgemälden alter und neuerer Meister (dar­unter zwei interessante Jugendarbeiten von Moritz v. Schwind, welche Graf Schack erwarb) am 25. September 1879 durch Maillinger (Montmorillon) versteigert, eben­so das ganze Inventar der ehemaligen »Humpenburg«. Das frühere, berühmte Ate­lier wurde in zwei große Zinshäuser umgewandelt, an welchen jedoch die Büsten von Ludwig und Xaver S. eine Stelle fanden. Gegenüber liegt das heute noch inter­essante und vielbesuchte »Schwanthaler-Museum«. (Einen kurzen Nekrolog auf den letzten Träger dieses ehedem vielgefeierten Namens erhält der Kunstvereins-Be­richt für 1879, S. 69.)

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1891.


NA-001 (Schwanthaler)