Allgemeine Deutsche Biographie (1891) / t_1260

Schnezler: Ferdinand Alexander August S., verdienter Lyriker, Novellist und Sagen­sammler, wurde am 4. August 1809 zu Freiburg im Breisgau geboren, wo sein Vater das Amt eines Stadtdirectors bekleidete und nebenher durch 28 Jahre die mit ei­nem Unterhaltungsblatt verbundene »Freiburger Zeitung« redigirte.

Durch ihn und seine feingebildete Mutter, die einer französischen Emigrantenfami­lie angehörte, erhielt S. eine tüchtige, obwohl etwas vornehme, mehr nach Seiten der Phantasie und des ästhetischen Genusses als des Charakters und der Pflicht gerichtete Erziehung; die Mutter führte ihn in die französische Sprache und Littera­tur, sein Vetter und Informator J. A. Henne von Sargans, der spätere Universitäts­lehrer in Bern, in die Vorhallen der Poesie und Aesthetik ein. Die geselligen Zirkel des elterlichen Hauses, zu dem alle in Freiburg lebenden Litteratur- und Kunst­freunde Zutritt hatten, gaben überdies seinem Geiste die mannigfachste Anre­gung, wie auch der Blick auf die herrliche landschaftliche Scenerie der Vaterstadt seinem für Naturschönheit empfänglichen Sinne immer frische Nahrung entgegen­bringen mußte.

Seine Studien machte S. in Freiburg und in München, hier besonders unter Oken, in dessen Familienkreis er eingeführt war, und dessen Vorträge ihn auf ein eifriges Studium der Naturphilosophie hinlenkten. Der Aufenthalt in der bairischen Haupt­stadt erhöhte auch die Quellkraft seiner poetischen Ader, und als er seine Studien dort beendet, gab er bei seinem Scheiden die erste Sammlung seiner »Gedichte« (1833) daselbst heraus, wovon eine zweite, stark vermehrte Auflage 1846 in Karls­ruhe erschien. S. ist als lyrischer Dichter bei weitem nicht so bekannt geworden, wie seine vortrefflichen Leistungen es verdienen. »Manche seiner seelenvollen, frühlingsfrischen und duftigen, fast alle Töne des Dichtergemüths reich und oft ei­genthümlich anschlagenden Lieder, voll musikalischer Klangschöne, die sich auch durch sittlichen Ernst auszeichneten, stellen sich den Schöpfungen seiner Vorbilder Platen und Goethe nicht unwürdig zur Seite. Das eigentliche Element seiner poeti­schen Individualität bildet ein inniges wahres Naturgefühl und, in seiner frischeren Periode, eine kerngesunde Anschauung des Lebens. Dazu gesellt sich die Würze ei­nes ebenso kräftigen als liebenswürdigen Humors, der sich oft in überraschender Weise geltend macht, zum Theil auch in seinen Märchenbildern, worin seine waldromantische Muse in träumerisch-reizender Naivetät uns entgegenlächelt.«

Von 1833 bis 1838 arbeitete S. zu Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe als Postbe­amter im badischen Staatsdienste. Aber Kunstbegeisterung und Wissensdrang ei­nerseits und Dienstzwang und der Druck eines heterogenen Standes andererseits spalteten sein Wesen; ohnmächtig, seine eigene Flamme zu dämpfen, unfrei in Wil­le und Bewußtsein, betäubt und besinnungslos strenges Pflichtgefühl opfernd, er­eilte ihn die Katastrophe, deren Vollwucht zwar der Beamte, nicht aber der Dichter erlag. Ausgerüstet mit einem Schatze vielseitiger Kenntnisse, siedelte er, um sich zu einer würdigen litterarischen Stellung Bahn zu brechen, im Sommer 1840 nach Wiesbaden und einige Monate später nach Mainz über, wo er sich als Mitarbeiter an verschiedenen Zeitschriften betheiligte und durch seine komischen Beiträge den Hauptgrund zur Mainzer Faschingszeitung »Narrhalla« legte.

Von 1842 bis Mitte 1844 gab er in Darmstadt »Guttenberg. Ein Unterhaltungsblatt für Stadt und Land« heraus, veröffentlichte hier auch sein dramatisches Festspiel »Der Riß zum Kölner Dom« (1842). Hierauf lebte er abwechselnd in Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, veröffentlichte hier seine beiden großen, mit verdientem Bei­fall aufgenommenen Sagensammlungen »Badisches Sagenbuch« (1846), die das ge­sammte badische Land berücksichtigte, und »Aurelia’s Zauberkreis« (1847), die nur die Sagen und Legenden der Stadt Baden und ihrer nachbarlichen Thäler enthielt.

Nach dem im März 1847 erfolgten Ableben seiner Mutter, die er stets als seine »zärtlichste Muse« gefeiert hatte, begab er sich erst nach Heidelberg und im De­cember nach Frankfurt a. M., wo er bald dichtend an der großen politischen Bewe­gung theilnahm, sein humoristisches »Vergißmeinnicht. Illustrirter Wegweiser durch Frankfurt a. M.« (1848; mit lyrischem Text) verfaßte, Uebersetzungen ausländischer Journalartikel lieferte und für verschiedene Zeitschriften als Novellist thätig war.

Von August bis October 1849 besorgte S. zu Mannheim die Leitung des »Badi­schen Merkur«; hier wurde er wegen eines der Kölnischen Zeitung entnommenen Artikels zu zweiwöchentlicher Haft verurtheilt, wovon er jedoch nur drei Tage ver­büßte, und sah sich überdies von dem Verleger des Blattes um den größten Theil seines Honorars betrogen. Um bittere Erfahrungen und Enttäuschungen reicher, übernahm er im Mai 1850 die Redaction des »Vogesenboten« in Landau, den er bald nachher in die »Pfälzer Zeitung« umtaufte; von Neujahr bis zum Mai 1851 fand er als Expeditor und Corrector bei der »Kasseler Zeitung« Verwendung, dann aber wandte er sich, aller Politik und journalistischen Plackereien überdrüssig, nach Leip­zig, um hier für eine Sammlung seiner Novellen und Humoresken einen Verleger zu suchen. Aber trotz der Empfehlungen eines Vilmar, Wackernagel, Düntzer u. a., trotz des poetischen Werthes, den seine Arbeiten in sich trugen, blieben seine Be­mühungen erfolglos, und mißmuthig kehrte er nach Frankfurt zurück, wo nunmehr, wie er selbst berichtet, »eine wahre Sonnenfinsterniß seines Lebens« begann.

Bei seinem beschaulichen und bequemen Naturell fehlte ihm die rechte Willensstär­ke, sich irgendwie geltend zu machen; Sorgen und Noth erschlafften seinen Geist, anstatt ihn zu stählen. Er verließ im September 1851 die Stadt der Geldaristokratie und ging nach München, wohin ihn angenehme Jugenderinnerungen zogen. Mit Beihülfe seiner Freunde gelang es ihm, die Redaction des »Münchener Tageblatts« zu erhalten, wozu er ein »Sonntagsblatt für Ernst und heitere Laune« gründete; al­lein der Zustände und Verhältnisse unkundig, mußte er dieselbe schon zu Ostern 1852 andern Händen überlassen. Die nun beabsichtigte Herausgabe eines humoris­tischen Blattes mißlang; für seine Schriften fand sich kein Verleger; und so wollte er denn wieder in seine alemannische Heimath zurückkehren, als ihn eine bösartige Krankheit aufs Lager warf, der er nach wenigen Tagen, in der Nacht auf den 11. April 1853, erlag.

Hub, Deutschlands Balladen- u. Romanzendichter, III, S. 96.

Franz Brümmer: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1891.


17-10-08* (Schnezler)