Allgemeine Deutsche Biographie (1883) / t_1027

Leeb: Johannes L., Bildhauer, geboren 1790 zu Memmingen, † am 5. Juli 1863 zu München. Erst zum Geschäft seines Vaters (Strumpfwirker) bestimmt, dann Steinmetzlehrling bei Naumann in Lindau 1805-9, durchwanderte er die Schweiz, arbei­tete in Winterthur und Lausanne und Genf (1811 bei Decorirung der Villa Tronc­tain); ging nach Paris, um bei der bell’ Escalier im Louvre beschäftigt zu werden, wo er 1812 und 1813 abwechselnd im Louvre und Pantheon mitwirkte und 1814 die Académie des quatres nations besuchte, um sich für die plastische Kunst die nöthi­gen Vorkenntnisse zu erwerben. In dieser Zeit hatte er das Glück, durch den baieri­schen Oberstkämmerer Karl Grafen von Rechberg an den Kronprinzen Ludwig empfohlen zu werden, welcher ihn mit der von demselben angekauften Alba­ni’schen Sammlung nach München sendete, woselbst L. zwei Jahre lang nach den Entwürfen von Klenze’s für die neue Glyptothek zahlreiche Verzierungen und Gyps­modelle ausführte; diese Beschäftigung hinderte ihn jedoch nicht, sein Studium im Figürlichen eifrig fortzusetzen.

Eine lebensgroße Statue der »Leda« wurde mit Beifall aufgenommen und ver­schaffte ihm 1817 ein Stipendium zu einer zweijährigen Studienreise nach Italien, wo er zu Rom fleißig die Antike studirte und bei der zu Ehren des Kaisers von Oes­terreich auf dem Capitol veranstalteten Ausstellung mit eigenen Werken erschien: einer Bacchantin und einem Basrelief, darstellend die den Pegasus pflegenden Ho­ren (nachmals in Marmor für den Grafen Bray). In Neapel meißelte L. für den Her­zog von Alba eine Gruppe des »Hylas mit einer Nymphe«, eine »Psyche« und eine Büste von Paganini (1820-22).

Zurückgekehrt nach Rom (1823) arbeitete er in Thorwaldsen’s Atelier die colossale Büste Boerhave’s für den Kronprinzen Ludwig (Walhalla), eine Marmorstatue des Evangelisten Matthäus für den König von Württemberg (in die Grabkapelle auf dem Rothenberg bei Stuttgart); gleichzeitig bildete er die Statue eines »jungen Mädchens mit einem Nest voll Amoretten« und einen »schlafenden Amor« für Graf Schönborn.

Seit 1826 in München, wurde L. vielfach bei den großen Schöpfungen König Lud­wigs verwendet, von ihm sind z. B. die 10 Büsten der berühmtesten Tondichter in der Apsis des großen Odeonsaales, zwei Statuen im Giebelfelde der Glyptothek (nach Wagner) und die Statuen des Perikles und Hadrian in den Nischen der Faca­de; 1832 modellirte L. die Büsten der griechischen Deputirten Botzaris, Miaulis und Kaliopulos; von Miaulis fertigte er auch eine kleine, von Stiegelmayer gegossene Statue (gestützt auf einen Anker, ein Fernrohr in der Hand); eine colossale Büste König Ludwigs; 1835 ein Marmor-Basrelief: die Verbindung des Rhein mit dem Main und König Ludwig als Vermittler zwischen Germania und Bavaria, auch viele Büsten für die bairische Ruhmeshalle etc.

Außerdem modellirte er 1827 für den Grafen Bray ein 35 Fuß langes Relief mit Dar­stellungen aus der Odyssee (in Irlbach) und lieferte viele Grabmonumente, z. B. für den Grafen von Preysing (zu Niederaschau) und den Grafen Rechberg (zu Donz­dorf) und das Grabdenkmal auf den Geschichtschreiber Lorenz von Westenrieder (unter den Arkaden des alten Münchener Friedhofes), ebenso den Denkstein für Si­mon und Xaver Häberl im Vestibulum des Allgemeinen Krankenhauses. Großes Aufsehen machte 1838 das Gypsmodell einer Reiterstatue: »Der Niobide Sypilus auf einem bäumenden Araber (!) vom tödtlichen Pfeile getroffen, zurücksinkend«; am Sockel: der Tod der Söhne der Niobe durch Apollo, jener der Töchter durch Dia­na; an den Schmalseiten die Genien des Lebens und Todes. Ein pfeilschleifender Amor in Marmor wurde 1851 auf der Londoner Exposition durch die Jury ausge­zeichnet. Auch modellirte L. die »vier Jahreszeiten«, welche (durch Lithographie und Terracotta) in Deutschland, der Schweiz und England Verbreitung fanden.

Mit besonderer Vorliebe cultivirte L. den Gedanken, die Plastik für Brunnenbauten in Anwendung zu bringen. Zahlreiche Entwürfe zeugen von seiner Phantasie und Originalität, namentlich gelang es ihm öfters, die Eigenthümlichkeiten eines öffent­lichen Platzes, seine geschichtliche Bedeutung und den Charakter der Umgegend in einem bedeutungsvollen Brunnenbilde zusammenzufassen. So entstanden ein »Brunnen des Eros« mit zwei übereinander befindlichen Wasserbecken, in deren oberem der Liebesgott badet; der »Bavaria-Brunnen« (achteckig mit zwei Reihen von Wasserbehältern, in der Mitte die Bavaria, umher die acht Hauptflüsse mit den Hauptprodukten der betreffenden Kreise); ein »Brunnen der Venus victrix«, zu ihren Füßen Amor und vier wasserspeiende Thiere; ein »Brunnen der Scylla« mit Hunden und Delphinen; dann mit wunderlicher Mischung: »Die Quelle Hippokrene mit Pe­gasus und Bellerophon«, unten vier baierische Minnesänger (!).

Das Beste dieser Art war sein »Danaiden-Brunnen« (1854 als Gypsmodell im Münchner Industrie-Ausstellungs-Gebäude) und der Brunnen in Genf (vgl. Nr. 42 Abendblatt der Neuen Münchner Ztg. 1856), wobei nach dem Concurrenzaus­schreiben die »Escalade von 1602« (die Abwehr des Einfalls des Herzog Karl Ema­nuel von von Savoyen durch die Bürger von Genf) zum Ausdruck kommen sollte; L. gewann den Preis und die Ausführung. Ebenso zur Zufriedenheit der Besteller löste L. die von derselben Stadt gestellte Aufgabe, ein Denkmal zum Gedächtniß des am 15. August 1815 erfolgten Anschlusses des Kantons Genf an die Eidgenossenschaft zu erfinden (1859). Gleichzeitig lieferte L. die allegorischen Figuren der »Persever­antia und Diligentia« für das Schulhaus in Winterthur. Mit der Statue des Historikers und Staatsmannes Burghard Zingg (für Memmingen) schloß L. seine künstlerische Thätigkeit.

Er war ein guter, übrigens mehr decorativer Techniker im Stein, seinem ganzen Geiste und Schaffen nach ein Epigone von Thorwaldsen und Wagner. In seinem Nachlasse befand sich eine Sammlung aller seiner Brunnenentwürfe, 3 Hefte mit je 15 Blättern in Großfolio, sehr effektvoll in Farbe gesetzt; darunter viel Schönes, Großes und Originelles, aber auch viel Barockes und Geschmackwidriges, wie er denn Zeitlebens einer zopfigen Auffassung der Antike huldigend, trotz allen Ansät­zen nicht zu einer nationalen und volksthümlich wahren Behandlung seiner Kunst kam.

Vgl. Stuttgarter Kunstblatt 1835, S. 419. A. v. Schaden, Artist. München 1836, S. 61 ff. Nagler 1839. VII, 390 ff. Raczynski II, 495. Vinc. Müller, Handbuch von München 1845. S. 157. Regnet Nr. 190. Morgenblatt zur Bayer. Ztg. 1863. Kunst-Vereins-Be­richt f. 1863. S. 51.

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1883.


07-10-15 (Leeb)