Allgemeine Deutsche Biographie (1877) / t_765

Fentsch: Eduard F., als Dichter auch »Frater Hilarius«, geb. 1814 zu München; durchlief das Gymnasium, absolvirte 1839 die Universität München, bestand 1841 die juridische, und 1842 die Finanzprüfung mit glänzendem Erfolge, trat als Asses­sor in fürstl. Thurn- und Taxis’sche Dienste zu Regensburg, wo er sich 1847 mit ei­ner Tochter des Prof. Ennemoser vermählte. Er vertauschte seine Stellung aber mit dem baierischen Staatsdienste, wo er zu München bald zum Rechnungscommissar, Regierungsassessor und Oberrechnungsrath vorrückte und im April 1875 zum Di­rector der kgl. Regierungs-Finanzkammer zu Augsburg befördert wurde, jedoch schon in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1877 einem langwierigen Leberlei­den erlag.

In seinen verschiedenen Stellungen hat er, wie Ludwig Steub bemerkte, »viele Millio­nen Ziffern unter den Händen gehabt, die Grund-, Gewerbe- und Capitalsteu­ern auf hunderttausend Seiten zusammengezählt, revidirt und roth angestrichen, hin und wieder auch subtrahirt, multiplicirt und dividirt, kurz, seines Amtes immer­dar mit Fleiß und Eifer gewaltet«. Daneben aber verliehen ihm die Musen eine un­versiegliche Quelle von Witz, Humor und Laune, womit er sich zuerst 1839 bei ei­nem Künstlerfest hervorthat und in der Folge bei allen ähnlichen Gelegenheiten, auch bei den Sommerfahrten der Liedertafeln und sonstigen Sangesfreunden als beliebter Festredner in Vers und Prosa hören ließ. Eine Auswahl von vier solcher »Maipredigten« erschien zuerst München 1843, und Darmstadt 1845, und später in vermehrter 4. Aufl. München 1867. Jahrelang redigirte er die »Cornelia«, das Ta­schenbuch für deutsche Frauen (Darmstadt), wozu er jedesmal Gedichte und eine Novelle gab, z. B. »Der Schneiderpoet, Scene aus dem baierischen Kleinstädter-Le­ben« (1856), oder »Der Torfstecher und sein Kind« (1859), auch entstanden drama­tische Spiele, z. B. zum Masken-(Rubens-) Fest der Münchener Künstler 1861 u. s. w.

Nach Fr. Lentner’s frühem Tode übertrug ihm König Max II. die Fortsetzung der cul­turhistorischen Studien aus den verschiedenen Kreisen des baierischen Volksle­bens, nach Sage, Sitte und Brauch, deren Sammlung der König schon als Kronprinz ins Auge gefaßt hatte. F. erhielt einen fünfjährigen Urlaub und durchzog in den Sommermonaten Franken und die Oberpfalz. Die Ergebnisse seiner Wanderungen, welche theilweise auch mit köstlichen Zeichnungen von seiner Hand illustrirt waren, gingen wenigstens theilweise in die verschiedenen Bände der von Riehl und Dahn redigirten »Bavaria« über, auch gab er das »Gedenkbuch der (siebenhundertjähr.) Jubiläumsfeier Münchens im September 1853« (mit Illustrationen von Döpler, A. Spieß u. A.) heraus, ebenso verfaßte er ein Schriftchen als Festgabe zu dem 1867 in München versammelten Juristentag, welches eine recht frische und humoristisch geschriebene Skizze einer Culturgeschichte der Stadt und eine sehr unterrichtende Beschreibung derselben und ihrer Umgegend bietet.

Nachdem F. schon 1855 unter dem Titel »Lichtes und Dunkles« einen Theil seiner früheren Erzählungen gesammelt hatte (worunter die »Fragmente aus dem Tage­buch meines Oheims«, und die »Geschichten aus der Heimath«), erschien erst 1870 eine größere Novelle »Aus der Tiefe« und der dreitheilige Roman »Non possu­mus«. 1870 (in der Bibl. deutscher Orig.-Romane, 20.-22. Band), welcher jedoch das verdiente Aufsehen nicht erregte. Der übrige reiche Theil seiner novellistischen Producte ist in den Münchener »Fliegenden Blättern« und der »Haus-Chronik« von Braun u. Schneider, im Augsburger »Sammler« (z. B. »Der Jesuiten-Zögling, aus den Papieren eines Pfründners von Frater Hilarius«, 1873, oder »Heinz Toppler, Erzäh­lung aus Rottenburg a. d. Tauber«, 1875) u. s. w. zerstreut. Eine stattliche Reihe sehr werthvoller culturhistorischer Schilderungen, z. B. über »Das bürgerliche Haus vom XIII. bis XVIII. Jahrh.«, über das »Fichtelgebirge« sind in den Jahrgängen 1855-58 der ehemaligen Neuen Münchener Zeitung niedergelegt. Auch als Jugend­schriftsteller versuchte sich »Frater Hilarius« mit Glück, wie eine Anzahl von dufti­gen »Blumenmärchen« in den »Jugendblättern« der Isabella Braun, 1856 ff., bewei­sen. Eine Sichtung und Auswahl seiner zahlreichen Schriften dürfte wol nicht zu lan­ge auf sich warten lassen.

F. war, wie Ludw. Steub in seinem schönen Nachruf in Beil. 114 der Augsb. Allgem. Zeitung vom 24. April 1877 sagt, »in allen Stücken ein Vertreter der Kalokagathie, wie sie das Alterthum pries, eine männlich-schöne Gestalt, ein wohlwollendes, lie­benswürdiges Naturell, ein Dichter und Redner, witzig und geistreich, gewinnend und einnehmend, unverzagt und schlagfertig, dabei anspruchslos und bescheiden, freisinnig und für das Vaterland begeistert, eh‘ es noch recht erlaubt war, ein vor­trefflicher Deutscher, ein guter Münchner und doch eine echt hellenische Persön­lichkeit«.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1877.


05-01-42/43 (Fentsch)