Allgemeine Deutsche Biographie (1877) / t_704

Dillis: Johann Cantius D., Landschaftsmaler und Radirer, jüngster Bruder des fol­genden [Johann Georg von Dillis], geb. 1779 zu Grüngiebing, einer Filiale der Pfar­rei Schwindkirchen des königl. Landgerichts Haag in Oberbaiern, wo sein Vater Wolfgang D. kurfürstl. Revierförster war. Cantius kam, noch nicht 10 Jahr alt, nach München in Wohnung und Pflege bei seinem ältesten Bruder Georg, der auch sei­nen Unterricht im Zeichnen leitete und unter dessen Führung er sich zum Künstler im Fache der Landschaftsmalerei und als Radirer ausbildete. Von seinem späteren Leben wissen wir wenig; es floß, in fleißiger nicht ganz ruhmloser Arbeit und durch größere und kleinere Studien- wie Geschäftsreisen häufig unterbrochen, still und geräuschlos dahin. Ein öffentliches Amt hat er nie bekleidet, aber er ist seinem Bru­der Georg, mit dem wir ihm auch später wiederholt in gemeinsamer Thätigkeit be­gegnen, bei Ausführung von dessen amtlichen Aufträgen vielfach und mit Erfolg hülfreich zur Seite gestanden. Als im Herbst 1796 die Gemälde der Münchener Gal­lerie durch Georg D. nach Linz, bald darauf von dort nach Passau und Straubing ge­flüchtet wurden, begleitete Cantius seinen Bruder, mit ihm die Sorge für diese Kunstschätze theilend.

Nach dem Tode ihres Vaters, im Frühjahr 1805 unternahmen beide Brüder (den Cantius ließ die baierische Regierung reisen) gemeinschaftlich eine Kunstreise durch die Schweiz, das südliche Tirol und nördliche Italien nach Rom, dann über Neapel nach Rom zurück, wo sie während des Winters von 1805 auf 1806 künstleri­schen und kunstgeschichtlichen Studien oblagen, bis Georg im Februar 1806 dem Rufe des Kronprinzen von Baiern nach Paris folgte und Cantius allein in Rom zu­rückblieb, um später nach München heimzukehren. Auch auf Georgs italienischer Reise von 1808 auf 1809 war Cantius dessen Begleiter, ebenso als jener im J. 1815 sich nach Paris begab, um die von den Franzosen im Jahr 1800 aus den baierischen Gallerien entführten Gemälde zu reclamiren und nach München zurückzubringen. Noch einmal geschah dies 1820, als Georg beauftragt war, die in den königlichen Schlössern zu Nürnberg, Bamberg, Würzburg und Aschaffenburg befindlichen Ge­mälde neu aufzustellen und zu inventarisiren, wobei ihm sein Bruder die ersprieß­lichsten Dienste leistete. Auch machten sie damals von Aschaffenburg aus einen gemeinschaftlichen Ausflug nach dem nahegelegenen Frankfurt, um die dortigen älteren Bauwerke und Kunstsammlungen näher kennen zu lernen.

Des Cantius Blüthezeit als Künstler fällt in die zwanziger Jahre. Damals, besonders in den Jahren 1825-27, betheiligte er sich lebhaft an den Bestrebungen des neuge­gründeten Kunstvereins durch fleißige Einsendung seiner neuentstandenen Werke. Wir kennen aber aus jener Zeit auch sonst noch Arbeiten von ihm. Sein Name war damals vielgenannt und geachtet. So wurde er, nachdem er bereits 1807 in die Kategorie der baierischen Staatspensionäre aufgenommen worden war, im J. 1833 zugleich mit seinem Bruder Georg und dem jungen J. J. Dorner zum Ehren­mitgliede der königl. Akademie der bildenden Künste ernannt. Er starb im J. 1856 zu München, nachdem er in den letzten Jahren seines Lebens nur selten noch mit Arbeiten seiner Hand vor die Oeffentlichkeit getreten war. Wir besitzen von ihm ein Bildniß als Knabe mit langem, unordentlichem Haupthaar und vorn offenstehen­dem Rock, in ovaler Form von seinem Bruder mit vieler Liebe nach dem Leben ra­dirt. Auch in der Felix Halm’schen Sammlung von Originalzeichnungen baierischer Künstler (bei Herrn v. Maffei in München) befindet sich sein Bildniß.

Cantius D. malte in der Regel nur Bilder von geringem Umfange: waldige abge­schlossene Gegenden mit Wasserstürzen und Mühlen an schäumenden Waldbä­chen, wirksam beleuchtet von einfallenden Sonnenstrahlen oder dem Blau des schwach bewölkten Himmels; aussichtsweite Berghalden mit dem Fernblick auf freundliche See- und Flußthäler, oder anmuthig-idyllische Wald- und Wiesengründe mit Bauernhütten unter Bäumen, Feldcapellen am Wege, Schlössern und Ruinen auf nahen Bergen, belebt von Jägern, Landleuten und kleinen Heerden: schlichte an­spruchslose Abbilder einer schönen Natur, die auch in der Ausführung mit Wasser­farben oder in Oel dem einfachsten System der Farbengebung entsprechen. Die Motive dazu entlehnte der Künstler vornehmlich aus den Umgebungen Münchens, dem baierischen Alpenlande und aus Vorarlberg. Von seinen seltenen italienischen Landschaftsbildern besitzt die Familie des Oberforstmeisters Schilcher zwei vor­zügliche, Gegenden um Tivoli darstellend. Die von ihm hinterlassenen Werke, in Handzeichnungen, Oelgemälden und Radirungen bestehend, sind meistens zer­streut in Privathänden und daher öffentlich nur wenig bekannt.

Was des Cantius D. Handzeichnungen betrifft, so liebte er es, sie theils mit der Fe­der und schwarz oder braun getuscht, theils nur in Sepia, zuweilen weißgehöht, auszuführen. Man findet deren vereinzelt in öffentlichen Sammlungen. Die oben er­wähnte Felix Halm’sche Sammlung enthält im XI. Bande unter Nr. 78-83 zusammen 11 landschaftliche Zeichnungen von ihm. In dem 1853 zu München versteigerten Nachlaß des jüngeren J. J. Dorner befinden sich von Cantius D. zwei braungetusch­te und eine Federzeichnung, Berg- und Felslandschaften darstellend. Die Maillin­ger’sche Sammlung in München enthält von ihm drei zum Theil werthvolle Original­zeichnungen: die Amalienburg im Schloßgarten zu Nymphenburg (angeblich vom J. 1820), eine Gebirgslandschaft bei Schliersee (vom 12. Juli 1826), eine Sepiazeich­nung mit Bauernhaus (Bilder-Chronik I. 1805. 2693. 2694).

Von seinen Oelgemälden nennen wir vor allem eine Ansicht aus der Gegend von Grotta Ferrata in der Schleißheimer Gallerie (Nr. 219), wol von 1809; aus der her­zogl. Leuchtenbergschen Gallerie eine »Aussicht von der Hochalpe bei Neselau im baierischen Gebirg« (im Umriß radirt von N. Muxel) und »Steinerne Brücke bei der Mühle zu Audorf« (radirt von Demarez), die zu seinen vorzüglichsten Arbeiten zäh­len. Ein großer Waldgrund mit Jägern und Thieren staffirt (kam 1825 in Besitz des Oberappellraths v. Heinrichen). Demselben Jahre gehören noch folgende Oelbilder an: Dorf an einem Bache; Kühe und Ziegen vor einem Bauernhause; Winterland­schaft mit einem Dorfe. In die Jahre 1826 und 1827 fallen zwei Hochalpenbilder aus Baiern. Eine kleine schöne Gebirgslandschaft mit Bauernhof und Hornvieh befand sich früher im Besitz des jüngeren J. J. Dorner.

Die radirten Blätter, welche Cantius D. hinterließ, verrathen eine leichte, geistreiche Nadel und sind in einem klaren und angenehmen Tone gehalten. Es befinden sich darunter Copien nach Everdingen u. A., auf welchen die Initialen J K. D. vorkom­men, während die übrigen Blätter meist mit dem vollständigen Namen bezeichnet sind. Wir glauben sie chronologisch hier folgendermaßen aufführen zu dürfen.

1. Das Geburtshaus des Künstlers (als er noch nicht 11 Jahre alt war, wahrscheinlich unter Leitung seines Bruders Georg gearbeitet), Nagler, Monogr. III. 2700 Nr. 2. Maillinger I. Nr. 2696.
2. Die Tanne auf dem Felsen, Copie nach C. W. E. Dietrich. 1795. Nagl. 9. Maill. I. 2703.
3. Herbstlandschaft. Nach Everdingen Bartsch 12) Nagl. 10. Maill. I. 2704.
4. Landschaft mit Balkenhütte an einem Gewässer. Nach Everdingen. Maill. I. 2705. Von Andresen fälschlich unter G. v. Dillis Nr. 39 aufge­führt.
5. Bauernhütten unter Bäumen. Wahrscheinlich aus dem Jahr 1800. Nagler 7. Maill. I. 2701.
6. Ansicht des Schlosses Harlaching (1801). Seltenes Blatt, radirt, nachdem das Schloß im Jahr 1800 ein Raub der Flammen geworden. Nagl. 1. Maill. I. 2695.
7. Landschaft mit Kirchenruine. Nach Ferd. Kobell. Nagl. 3. Maill. I. 2697.
8. Landschaft mit Bauernhaus. Nagl. 7. Maill. I. 2698.
9. Dasselbe, mit Veränderungen und ohne die Hühner. Maill. I. 2699.
10. Seehafen. Copie nach Weirotter. Nagl. 5. Maill. I. 2700.
11. Seehafen. Gleichfalls Copie nach Weirotter. Maill. I. 2700.12. Die Schleifsteinmühle bei Ohlstadt. Nagl. 8. Maill. I. 2702.

Marggraff.

Marggraff: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1877.


13-02-22/23 (Dillis)