Allgemeine Deutsche Biographie (1875) / t_87

Bärmann: Heinrich Jos. B., Clarinettist, geb. zu Potsdam 14. Febr. 1784, † 11. Juni 1847. Nachdem er seinen ersten Unterricht auf der Potsdamer Militär-Musikschule erhalten hatte, ward er 1798 dem neu errichteten 2. Hautboistencorps der Leibgar­de als Clarinettist zugetheilt. Seit 1804 zog Prinz Louis Ferdinand, der auf den schon damals hervorragenden jungen Künstler aufmerksam geworden war, ihn zu seinen musikalischen Unterhaltungen. Nach der Schlacht bei Jena, 1806, die er mit seinem Regiment mitgemacht hatte, gerieth er in französische Gefangenschaft; es gelang ihm aber in Berlin, zu entkommen. Hier gab ihm der eben anwesende Kron­prinz Ludwig von Baiern eine Empfehlung an seinen königlichen Vater und B. ward in München gleich nach dem ersten Hofconcert als erster Clarinettist der Hofcapel­le eingestellt.

Eine Reihe von Kunstreisen verbreiteten bald seinen Ruhm weit über Deutschland hinaus. Mit dem Violoncellisten Legrand hatte er schon 1808 die Schweiz und das südliche Frankreich bereist, als 1811 der junge Karl Maria v. Weber nach München kam und für B., um seine Mitwirkung in einem Concerte zu gewinnen, das Concerti­no C-moll für Clarinette schrieb. Der große Beifall, den dasselbe fand und die seit dieser Zeit entstandene innige Freundschaft zwischen den beiden Künstlern gab Weber den Anlaß, 1811 auch die berühmten Clarinett-Concerte F-moll und Es-dur für B. zu schreiben. Beide machten darauf noch im Herbst 1811 eine Kunstreise über Gotha, Weimar, Dresden, Prag und Berlin, wo Bärmann’s Vortrag der We­ber’schen Compositionen wesentlich dazu beitrug, das Vorurtheil, dem Weber’s erstes Auftreten dort begegnete, zu überwinden. 1813 spielte B. in Wien, wo ihn Weber und Meyerbeer zu seinem Geburtstag jeder mit einem Soloquintett für Cla­rinette (B-dur und Es-dur) überraschten; 1815 concertirte er unter außerordentli­chem Beifall in Venedig; im Winter 1817-18 mit der Catalani in Paris, 1820, von der Philharmonischen Gesellschaft berufen, in London. Den Antrag, den ihm hier der Prinz-Regent machte, mit Cramer die Leitung seiner Hofcapelle zu übernehmen, lehnte er ab. 1821 war er wieder in Wien, 1822 in Straßburg, Frankfurt, Cassel, Hamburg, Riga und Petersburg, von wo er 1823 über Moskau, Warschau u. s. w. zu­rückkehrte.

Eine neue Concertreise führte ihn 1827 bis Kopenhagen. 1832 ging er in Beglei­tung seines Sohnes Karl, dem echten Erben seiner Kunst, nochmals nach Peters­burg. Während ihres damaligen Aufenthaltes in Berlin schrieb der junge Mendels­sohn für sie die Trio’s F-moll und D-moll, ursprünglich für Clavier, Clarinette und Bassethorn. Auch mit Mendelssohn knüpfte sich ein dauerndes Freundschaftsver­hältniß. 1839 machten Vater und Sohn eine neue Reise durch Frankreich nach Paris, und 1843 machte der Vater seine letzte Reise nach Holland.

Bärmann’s Spiel überragte an neu entwickelter Technik und an Größe des Tones al­les bis dahin Gehörte. Unter seiner Hand und durch die Verbesserungen, welche der Bau der Clarinette seinem Sohne Karl verdankt, ist das Instrument wesentlich entwickelt. Die Ergebnisse dieser doppelten künstlerischen Lebensarbeit hat der Sohn in seiner »Clarinettschule« op. 63, 2 Theile und Anhang, 1861 ff. zusammen­gefaßt. Heinrich Bärmann’s Compositionen (vgl. Ledebur, Tonkünstlerlex.) reichen bis opus 38, von denen namentlich die Concertstücke mit Orchester (die Fantasie Es, op. 26; die Concertinos Es, F, Es, op. 27, 28, 32; die Sonate F, op. 31; die Diver­tissements As, C, Es, op. 34, 35, 38, die Variationen F, As, op. 29, 37) noch jetzt gerne gehört werden.

Karl Bärmann, der Sohn, ist am 24. Oct. 1811 geboren und seit 1827 Mitglied der Münchener Hofcapelle, auch Lehrer an der königl. Musikschule. Seine Compositio­nen haben die Opus-Zahl 87 erreicht. An der Musikschule ist auch sein Sohn Karl, geb. 9. Juli 1839, als Clavierlehrer angestellt.

Ein Bruder Heinrichs, gleichfalls mit Namen Karl, geb. in Potsdam um 1782, † 30. März 1842 als pensionirter 1. Fagottist der Berliner Operncapelle, war als Fagottist rühmlich bekannt. (Vgl. Ledebur.)

Der bis 1832 reichende Artikel über Bärmann in G. Schilling’s Unversallex. der Ton­kunst beruht auf seinen eigenen Mittheilungen.

v. Liliencron.

v. Liliencron: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1875.


05-17-35* (Bärmann)