Allgemeine Deutsche Biographie (1875) / t_1441

Abel: Karl v. A., baierischer Staatsmann, geb. 17. Sept. 1788 zu Wetzlar, Sohn eines Procurators am Reichskammergericht, studirte 1806-9 die Rechtswissenschaft zu Gießen und trat 1810 in baierischen Staatsdienst. 1817 wurde er als Stadt- und Po­lizeicommissär in Bamberg angestellt, 1819 als Regierungsrath nach München beru­fen und 1827 zum Ministerialrath befördert. Im stürmischen Landtag 1831 hielt er als Regierungscommissär, um die Kammer mit dem vorgelegten Preßgesetzentwurf zu befreunden, eine Lobrede auf Preßfreiheit und Aufhebung der Censur; dieser Beginn seiner politischen Thätigkeit ließ durchaus nicht die Richtung seiner späte­ren staatsmännischen Wirksamkeit ahnen.

Im folgenden Jahre wurde er von König Ludwig I. als Rath der Regentschaft beige­ordnet, welche den jugendlichen König Otto nach Griechenland begleitete. Er stand mit seinem liberalen Institutionen geneigten Collegen Maurer im besten Ein­vernehmen und machte mit diesem vereint Opposition gegen den Präsidenten der Regentschaft, Grafen Armansperg, der sich von der englischen Diplomatie allzu ge­fügig leiten ließ. Es gelang den Anhängern des Grafen in München, bei König Lud­wig die Abberufung Abel’s und Maurer’s durchzusetzen, und A. trat 1834 wieder als Rath in das baierische Ministerium des Innern ein. 1836 vermählte er sich mit Friederike von Rinecker, einer streng religiösen Dame, die großen Einfluß auf ihn gewann. Im Landtage 1837 griff er wieder als Regierungscommissär in die durch die Vermehrung der Klöster in Baiern hervorgerufene Debatte ein und vertrat in dieser wie in finanziellen Fragen sehr energisch die Rechte der Krone. In ihm glaub­te deshalb König Ludwig den geeigneten Anwalt des monarchischen Princips ge­funden zu haben, Fürst Wallerstein wurde entlassen, A. am 1. Nov. 1837 zum Staatsrath in ordentlichem Dienste ernannt und in provisorischer Weise mit der Lei­tung des Ministeriums des Innern betraut und einige Monate später definitiv bestä­tigt.

Seine Erhebung trifft zusammen mit dem Kölner Kirchenstreit, welcher in ganz Deutschland religiöse Aufregung wachrief, die auch politischen Charakter annahm. Bald trat eine ausgesprochen katholische Färbung des neuen Ministeriums unver­kennbar hervor, ein Anknüpfen an die Tradition des Kurfürsten Maximilian I., wel­che für Baiern den Beruf einer katholischen Schutzmacht vindicirt. Mehrere Bestim­mungen des Religionsedicts wurden im Sinne des Concordats ausgelegt, Missionen begünstigt, für fromme Zwecke große Summen verwendet, die Stellung des Klerus gehoben. Ein Erlaß, welcher die Kniebeugung auch der protestantischen Soldaten bei katholischem Gottesdienst anordnete, machte den Anfang einer Reihe von Verfügungen, welche die Anschauung und die Rechte der Protestanten verletzten. Die Bildung evangelischer Gemeinden und die Ausübung ihres Gottesdienstes wur­den erschwert und beschränkt, der Beitritt zum Gustav-Adolph- Verein den baieri­schen Protestanten untersagt, gegen jede oppositionelle Regung strenge Censur gehandhabt. In den Kammerverhandlungen 1840 gab die Frage, ob der Landesver­tretung Prüfung der Verwendung der sogenannten Erübrigungen im Staatshaushalt zustehe, Anlaß zu erregtem Streit zwischen Minister und Ständen. A. verwahrte sich gegen das »Einschwärzen moderner Begriffe, die statt des ständischen Prin­cips das repräsentative unterschieben wollten«; in diesem Sinne wurde auch der Gebrauch der Bezeichnung »Staatsministerium« verboten, da nur der König die ge­sammte Staatsgewalt in sich vereinige. Heftige Ausfälle, die sich A. in der Kammer gegen seinen Vorgänger, den Fürsten Wallerstein, erlaubte, hatten ein Duell zur Folge, das jedoch erfolglos blieb. Wallerstein trat an die Spitze der Opposition, die sich namentlich in den neugewonnenen größtentheils protestantischen Provinzen des Königreichs gegen das einseitige Bevormundungsprincip des Ministeriums bil­dete und im Landtag 1846 den offenen Kampf gegen das herrschende System auf­nahm. Da der Minister auch durch die gewandteste Vertheidigung die Anklage auf Verletzung des Paritätsprincips nicht von sich wälzen konnte und zugleich die Mi­schung der kirchlichen Partei mit radicalen Elementen mehrfach zu Tage trat, wurde der König, der nach jeder Seite hin seine Rechte wahren wollte, mißtrauisch gegen seinen Kronrath und verfügte am 15. Dec. 1846 die Absonderung eines eigenen Ministeriums für Cultus und Unterricht vom Ressort Abel’s. Als der sonst so gefügi­ge Minister vollends die Gegenzeichnung der Indigenatsverleihung an Lola Mon­tez, die zur Gräfin von Landsberg erhobene Freundin des Königs, verweigerte und im Verein mit den übrigen Ministern das sogenannte Memorandum überreichte, welches ernstliche Vorstellungen über das Verhältniß des Königs zu der Fremden enthielt, wurde er entlassen (17. Febr. 1847).

Der Gestürzte erfuhr das trübe Schicksal, daß er nicht blos die Ungnade des Mon­archen zu tragen hatte, dessen Dienst er jede andere Rücksicht geopfert hatte, und die Freude seiner politischen Gegner sehen mußte, sondern auch von dem größe­ren Theil der Partei verleugnet wurde, deren Interessen er gefördert hatte. 1848 in die zweite Kammer gewählt, war er Zeuge der heftigsten Angriffe auf seine Verwal­tung von allen Seiten des Hauses. Im J. 1847 zum Gesandten am Turiner Hofe er­nannt, trat er den Posten erst unter der Regierung König Maximilians II. an, wurde aber im März 1850 wieder abberufen und in den Ruhestand versetzt. Vom politi­schen Leben gänzlich zurückgezogen, lebte er seither auf seinem Gute Stamsried in der Oberpfalz, das ihm König Ludwig früher zu Lehen gegeben hatte. Er starb 3. Sept. 1859.

Abel und Wallerstein. Stuttg. 1840. (v. Giech) Actenstücke zur Kniebeugung in Bay­ern. (Strodl) Kirche und Staat in Bayern unter dem Minister Abel.

Heigel.

Heigel: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1875.


ML-222/223 (Abel)