Aerztliches Intelligenz-Blatt (11.4.1872) / t_132

ERNST BUCHNER.

(Nekrolog.)

Am 2. Januar lfd. Js. starb dahier Dr. Ernst Buchner, ausserordentlicher Professor für gerichtliche Medicin an hiesiger Universität, k. Hofstabshebarzt, Beisitzer des Medicinal-Comité und Mitglied des Kreis-Medicinalausschusses von Oberbayern. Wäre es nicht Pflicht der Pietät, dem Redacteur dieses Blattes einen ehrenden Nachruf zu widmen, ein Leben voll eifrigen Strebens, reger Arbeit und erfolgrei­chen Wirkens würde nachdrücklich die Erfüllung dieser Aufgabe erheischen.

Ernst Buchner wurde am 8. November 1812 zu München geboren. Er war der ältes­te Sohn des in hohem Alter verstorbenen k. Ministerialrathes Dr. Augustin Buchner und seiner Gattin Felicitas, geb. Niederauer. Die Familie Buchner war eine sehr ge­achtete, nicht nur wegen des schönen und innigen Familienlebens, welches in der­selben herrschte, sondern auch wegen des anerkannten Rufes der Tüchtigkeit und unerschütterlichen Rechtlichkeit, welchen das Familienoberhaupt sich erworben hatte. In so günstigen Verhältnissen aufgewachsen besuchte Ernst das alte (jetzt Wilhelms-) Gymnasium, bewährte sich als begabter und fleissiger Student und er­warb sich bei dem Maturitäts-Examen (Absolutorium) die erste Note. Welch gründ­liche Kenntnisse er sich schon im Gymnasium besonders in der Mathematik zu ei­gen gemacht hatte, geht aus dem Umstande hervor, dass er im Jahre 1832 und 1833 als Repetitor der Mathematik im k. Erziehungsinstitute für Studirende fungir­te und sich in dieser Stellung die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und die Ach­tung seiner Schüler erwarb. Im Jahre 1829 wurde er an hiesiger Universität immatri­culirt. Schon in den letzten Jahren seines Gymnasialstudiums hatte er die Heilkunde zu seinem künftigen Berufe erwählt. Es sprachen ihn daher auch in dem zweijähri­gen philosophischen Cursus, der in jener Zeit vorgeschrieben war, vorzüglich die naturwissenschaftlichen Fächer an. Besonders fühlte er sich zur Botanik hingezo­gen, welche Martius und Zuccarini vortrugen, deren botanische Excursionen in die reiche Ausbeute liefernde Umgebung Münchens von den jungen akademischen Bürgern immer eifrigst besucht waren. In das Fachstudium übergetreten hörte er von hervorragenden Lehrern I. v. Döllinger (Anatomie, vergleichende Anatomie und Physiologie) und Ph. v. Walther (Chirurgie, chirurgische und ophthalmiatrische Kli­nik) und besuchte die internen Kliniken von v. Ringseis und v. Loé, sowie die ge­burtshülflichen von Weissbrod und Berger. Buchner war während seiner akademi­schen Laufbahn ein eifriger und fleissiger Student, welcher seine Zeit wohl verwendete, ohne sich desshalb den Vergnügungen der Jugend zu verschliessen. Er gehörte keiner der Studentenverbindungen an, genoss aber schon damals unter seinen akademischen Mitbürgern grosses Vertrauen, welches sich dadurch kund gab, dass er regelmässig bei den vorkommenden Festlichkeiten in den Ausschuss gewählt wurde. Nach vollendeten Universitätsstudien bestand Buchner das Ex­amen rigorosum mit der ersten Note (1834) und wurde hierauf zum Doctor medici­nae chirurgiae et artis obstetriciae promovirt.

In jener Zeit waren dem Studirenden an hiesiger Universität noch nicht jene reichen Hülfsmittel zu seiner Ausbildung gegeben, wie wir sie heute als etwas Selbstver­ständliches zu betrachten gewohnt sind. So war es natürlich, dass allen jungen Aerz­ten, welche den Drang nach tüchtiger Ausbildung hatten, die Heimath zu enge wurde, und das Bedürfniss gebieterisch auftrat, an anderen Hochschulen des ln- und Auslandes zu suchen, was hier nicht geboten war. Auch Buchner verwendete zu dem Zwecke seiner weiteren Ausbildung die zwei Jahre des Biennium practi­cum, welche er an den Hochschulen von Würzburg, Heidelberg, Wien, Prag, Berlin und Paris zubrachte. In Würzburg waren es besonders C. v. Textor und d’Outre­pont, deren Vorträge und Kliniken ihn anzogen. Mit beiden Männern trat er auch in nähere freundliche Beziehungen. In Heidelberg besuchte er die Kliniken von Cheli­us, Puchelt und Nägele, in Wien die pathologisch-anatomischen Sectionen und den Sectionscurs von Kolletschka, die interne Abtheilung von Günther, ganz besonders aber die ophthalmiatrische Klinik des berühmten Jäger sen., welche die jungen Aer­zte aus den verschiedensten Ländern versammelte. Buchner’s Aufenthalt in Ber­lin war nur von kurzer Dauer; er benützte ihn, um die dortigen hervorragenden Lehrer Rust, Dieffenbach, Barez, Wolff, Jüngken kennen zu lernen und ihren Klini­ken einen wenn auch nur kurzen Besuch abzustatten. Ein mehrmonatlicher Aufent­halt in Paris setzte ihn in Stand, durch fleissigen Besuch von Vorlesungen, bei Ma­gen die über experimentelle Physiologie, bei Andral über allgemeine Pathologie, sowie der Kliniken von Chomel, Lisfranc, Roux, Alibert u. A. sich ein Urtheil über die Richtung der Heilkunde in Frankreich zu bilden. Ueberall war Buchner bestrebt, nicht nur die wissenschaftlichen Sammlungen seines Faches zu besichtigen, son­dern auch alles, was seine allgemeine Bildung erweitern konnte, auf das Beste zu benützen. Reich mit Kenntnissen ausgerüstet, kehrte Buchner in seine Vaterstadt zurück. Der Aufenthalt in Würzburg, besonders die anregenden Vorträge d’Outre­pont’s, machten in ihm den Wunsch rege, sich der Geburtshülfe vorzugsweise zu widmen. Nachdem er daher bald nach seiner Ankunft die Stelle eines Assistenzarz­tes am hiesigen Krankenhause während zwei Monaten aushülfsweise versehen hatte, begab er sich nochmals nach Würzburg, um sich an d’Outreponts Privatissimum für Geburtshelfer und Lehrer der Geburtshülfe zu betheiligen. In demselben Jahre (1836) bestand er bei dem Münchner Medicinal-Comité die Pro­berelation mit der ersten Note, sowie auch den Staatsconcurs, welcher in jenem Jahre von dem Medicinal-Comité in Bamberg censirt wurde, und in welchem er die zweite Note erhielt.

Der Herbst des nämlichen Jahres verschaffte Buchner die erste Gelegenheit, seine erworbenen Kenntnisse praktisch zu verwerten. Denn im October (1836) erreichte die Cholera, nachdem sie zuerst in Mittenwald ausgebrochen war, die Hauptstadt als ein bis dahin nie gesehener, um so mehr aber gefürchteter Gast. Das Ministeri­um Wallerstein (von Ringseis war Referent) erwarb sich das grosse Verdienst, eine allgemeine ärztliche Besuchsanstalt für die Hauptstadt in’s Leben zu rufen. Buchner wurde als Besuchsarzt für die k. Residenz aufgestellt und entfaltete vom November 1836 bis März 1837, wo die Seuche als völlig erloschen betrachtet werden konnte, eine ebenso erfolgreiche als anerkannte Thätigkeit. Im Jahre 1838 erhielt Buchner »in Berücksichtigung seiner Qualification und der besonderen Richtung auf das Ge­biet der Geburtshülfe« die Erlaubniss zur Ausübung der ärztlichen Praxis in Mün­chen. Damals war die ärztliche Praxis noch nicht freigegeben, und Buchner konnte nach den Anschauungen jener Zeit von Glück sagen, schon zwei Jahre nach bestan­dener Proberelation die Licentia practicandi für die Hauptstadt erlangt zu haben.

Ein ziemlich ausgedehntes Feld ärztlichen Wirkens eröffnete sich bald darauf für Buchner, indem ihm vom Magistrate einer der ärztlichen Armendistricte übertragen wurde. Durch seine Verwendung während der Choleraepidemie hatte er sich sol­ches Vertrauen erworben, dass er noch in demselben Jahre bei seiner anerkannten Befähigung im geburtshülflichen Fache zum Hofstabshebarzte ernannt wurde. Im Jahre 1840 übernahm Buchner die Leitung der Kinderheilanstalt, welche von dem prakt. Arzte Dr. Vogel 1827 gegründet worden, bei dem Tode desselben jedoch in Folge langwieriger Krankheit des Gründers dem Erlöschen nahe war. Das fort­schreitende Gedeihen der Anstalt war unter dem neuen Dirigenten ein überra­schendes, denn während im ersten Jahre nur achtzig Kinder zur Behandlung ka­men, stieg die Zahl derselben im Jahre 1847 auf 340, und wurden ausserdem 42 gynäkologische Fälle ärztlich behandelt.

Frühzeitig begann Buchner seine literarische Thätigkeit, indem er Auszüge und Re­censionen aus dem Gebiete der Geburtshülfe, der Kinder- und Frauenkrankheiten für Schmidt’s Jahrbücher der Medicin und die medicinisch-chirurgische Zeitung lie­ferte. Bald auch trat er mit Originalaufsätzen hervor, so z. B. »Ueber Rückwärtsbeu­gung der schwangeren Gebärmutter« (Allg. Zeitung für Chirurgie, innere Heilkunde und ihre Hülfswissenschaften 1844 Nr. 36), ferner »Wissenschaftlicher Bericht, über die Leistungen der Kinderheilanstalt in München« (Med. Corresp. Bl. bayer. Aerzte 1845 Nr. 24). Nekrolog v. d’Outrepont (ebendas.). »Bericht über die Leistungen in den Frauenkrankheiten« (Canstatt’s Jahresberichte 1849 und 1850.). Auch viele Ar­tikel aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde, sowie viele Biographien von Aerz­ten und Naturforschern in der Real-Encyklopädie von Manz flossen aus seiner Fe­der. Durch diese Erstlingsversuche auf literarischem Gebiete bereitete er sich in entsprechender Weise zu seiner spätem schriftstellerischen Thätigkeit vor, deren Erzeugnisse von höherer Bedeutung sind und weiter unten eine eingehende Be­sprechung finden werden. Buchners Hauptstreben war auf das akademische Lehr­amt gerichtet, zu dem ihn nicht nur besondere Neigung hinzog, sondern auch die entsprechende Befähigung berechtigte. Er habilitirte sich desshalb und veröffent­lichte bei dieser Gelegenheit pro facultate legendi eine Abhandlung »De omphalor­rhoea« (1843). Im folgenden Jahre zum Privatdocenten ernannt, hielt er von nun an im Winter Vorlesungen über Geburtshülfe und im Sommer über gerichtliche Medi­cin, welche zum Theil sogar sehr zahlreich von den Studirenden besucht wurden. Zu gleicher Zeit wandelte er seine Kinderheilanstalt in eine Poliklinik um in der Ab­sicht, auch dieses Material bestens für den Unterricht zu verwerthen. Im Winter 1858/59 ward ihm interimistisch die Leitung des hiesigen Gebärhauses und der ge­burtshülflichen Klinik übertragen, eine Aufgabe, die er mit gewohnter Gewissen­haftigkeit erfüllte und ehrenvoll löste. In Anerkennung seiner Leistungen als Docent hatte er zwar schon im Jahre 1849 den Titel eines Ehrenprofessors erhalten, aber erst spät (1869) erfüllte sich für ihn der Lieblingswunsch seines Lebens, indem er durch Ernennung zum ausserordentlichen Professor der gerichtlichen Medicin das längst erstrebte Ziel erreichte. Zeichnete sich Buchner auch nicht durch Genialität aus, so machte ihn doch sein scharfer kritischer Verstand, sein ausgebreitetes Wis­sen und sein klarer Vortrag zu einem durchaus tüchtigen Lehrer, welcher nicht nur von seinen Zuhörern geschätzt wurde, sondern auch bei seinen Collegen in hoher Achtung stand.

Im Jahre 1847 erfolgte seine Ernennung zum hebärztlichen Mitgliede des Kreisme­dicinal-Ausschusses bei der k. Regierung von Oberbayern, eine Stellung, die er bis zu seinem Tode bekleidete. Nicht nur in den sein specielles Fach betreffenden Fra­gen, sondern auch in allen andern Obliegenheiten des Kreismedicinalausschusses leistete er durch seine unermüdliche und einsichtsvolle Thätigkeit und seinen selbst in dieser langen Reihe von Jahren nie erlahmenden Fleiss vorzügliche Dienste. Am 30. August 1848 wurde Buchner zum Suppleanten des Medicinal-Comité’s, am 31. December 1854 zum wirklichen Beisitzer desselben ernannt. Bis zu seinem Tode, also fast 24 Jahre lang, war er in diesem Wirkungskreise thätig und widmete sich mit ganz besonderer Vorliebe den Arbeiten des Comité’s; es war seine Lieblingsbe­schäftigung. Unermüdlicher Eifer, strenger Rechts- und Rechtlichkeitssinn, ernstes Streben nach Objectivität, grosse Sachkenntnis waren Eigenschaften, die ihn aus­zeichneten und seinen Referaten, wie seinen Voten ihre Bedeutung verliehen. Na­mentlich war er bestrebt und verstand es, dem Richter in schwierigen Fällen die in ärztlicher Beziehung wesentlichen Punkte kervorzuheben und klar darzulegen. Als Vertreter der gerichtlichen Medicin mit den betreffenden Gesetzen und Verordnun­gen auf das genaueste bekannt, leistete er durch seine Gesetzeskenntniss dem Co­mité bei seinen Berathungen die erspriesslichsten Dienste. Indem er die vom Co­mité bearbeiteten interessanteren Fälle in seinen »Blättern für gerichtliche Medi­cin« aufnahm, suchte er die Leistungen des Comité’s auf diese Weise auch für wei­tere Kreise nutzbringend zu machen. Das Comité hat an Buchner ein ausgezeichne­tes Mitglied, eine tüchtige Kraft verloren; sein Verlust ist schwer zu ersetzen.

Buchner’s Ernennung zum Beisitzer des Medicinal-Comité’s hatte das günstige Er­gebnis, dass sie seinem Streben eine ganz bestimmt ausgesprochene und alle übri­gen Zweige seines Wirkens überbietende Richtung gab, denn von nun an war Buchner’s wissenschaftliche und schriftstellerische Thätigkeit hauptsächlich dem Ausbau der gerichtlichen Medicin gewidmet, die er bis zu seinem Tode durch Wort und Schrift zu fördern bemüht war.

Die Zeit, in welcher Buchner in die Schranken trat, am seine Kraft so hohem Ziele zuzuwenden, war die eines gewaltigen Umschwungs in der Disciplin, die er sich ge­wählt hatte. Das Princip der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit im Rechtsleben war durchgedrungen und nöthigte die gerichtliche Medicin und ihre Vertreter, nun nicht mehr auf die Abgabe eines schriftlichen Gutachtens sich zu beschränken, sondern mündlich und persönlich ihre Beobachtungen und Schlüsse vor Richter und Ge­schwornen, Staatsanwalt und Vertheidiger zu vertreten und zu verantworten. Aber auch wichtige neue Forschungen im Gebiet der Naturwissenschaften, die Anwen­dung des Mikroskops, die Fortschritte der Toxicologie und Chemie, der pathologi­schen Anatomie, Psychiatrie etc. forderten zur sorgfältigen Prüfung ihrer Verwerth­barkeit für die Zwecke der legalen Modicin auf.

Nach allen diesen Richtungen hat Buchner mit seltener Ausdauer und grossem Ge­schicke gewirkt, ebenso conservativ und vorsichtig, bis eine neue Entdeckung sich bewährt hatte, als eifrig bestrebt, den Fortschritten der Medicin in allen Ländern zu folgen und sie sich zu eigen zu machen.

Von nicht geringem Erfolg waren seine Bemühungen auf bessere Fragestellung, sachgemässe Terminologie, richtiges Vorgehen und Stellung der Sachverständigen im gerichtlichen Verfahren hinzuwirken und, entsprechend dem Geist der neueren Gesetzgebung, auf persönliche Beobachtung und mündliche Vertretung des Gut­achtens durch die Experten zu dringen. Von bleibendem Werth in dieser Hinsicht sind seine Aufsätze in Henke’s Zeitschrift 1853 Bd. 66 »über die Stellung der Sach­verständigen nach dem neuen Gerichtsverfahren« und in Friedreich’s Blättern 1866 Heft 1 »die ärztlichen Sachverständigen«.

Von Buchner’s Belesenheit und seiner streng wissenschaftlich kritischen Richtung, die nur Thatsächliches anerkannte, zeugen seine Berichte über die Fortschritte der gerichtlichen Medicin in fast allen europäischen Ländern, die er seit dem Jahre 1851 fast unausgesetzt, zuerst in der von ihm bis 1856 redigirten »neuen med.-chiruigischen Zeitung«, dann in Pözl’s Vierteljahrsschrift für Gesetzgebung 1860 and 61, zuletzt in Friedreichs Blättern von 1862-72 brachte, endlich seine zahlrei­chen Besprechungen medicinischer und gerichtsärztlicher Werke in den verschie­densten Zeitschriften. Im Jahre 1862 wurde Buchner, hauptsächlich auf Veranlas­sung des berühmten Rechtslehrers Mittermaier, mit der Redaction der von Profes­sor J. B. Friedreich seit 1850 herausgegebenen »Blätter für gerichtliche Medicin« betraut, welcher Aufgabe er sich bis zu seinem Tode mit dem hingehendsten Eifer und tiefgehendem Verständniss für die Bedürfnisse der Wissenschaft unterzog und diese Zeitschrift dadurch zu allgemein anerkannter Bedeutung und Blüthe brachte. Buchner scheute keine Mühe, für sein Streben tüchtige Mitarbeiter zu gewinnen, was ihm bei seiner ausgebreiteten Bekanntschaft mit den hervorragendsten Ge­lehrten auch bestens gelang. So widmete namentlich Mittermaier, der ihn aus sei­nen Aufsätzen in Henke’s Zeitschrift (Jahrgang 1858-1861) kennen und schätzen gelernt hatte, dem Journal bis an sein Lebensende eine hervorragende Thätigkeit.

Aber nicht blos als Redacteur sondern auch als thätiger Mitarbeiter erwarb sich Buchner Verdienste um die genannte Zeitschrift. Ausser einer zahlreichen Casuistik, die sich von 1862-1871 in jener zerstreut findet, haben wir folgende Originalaufsät­ze namhaft zu machen:
1862 Heft 5 »Ueber simulirten Blödsinn.«1863 Heft 2 »Die Pyromanie, eine histori­sche Skizze.«1864 Heft 1 »Wer soll in gerichtlichen Fällen die mikroskopische Un­tersuchung vornehmen?«Heft 2 »Zur gerichtlichen Psychologie.«1866 Heft 1 »Der Unterricht in der gerichtlichen Medicin.«1866 Heft 2 »Ueber Krankheit, Arbeitsun­fähigkeit und bleibenden Nachtheil.«

Seine letzte Arbeit in Friedreichs Blättern war eine 1871 Heft 5 erschienene Be­sprechung und Erläuterung des deutschen Strafgesetzbuchs vom Standpunkt der gerichtlichen Medicin. Buchners reges Interesse für die Zeitschrift blieb ein unge­teiltes selbst dann, als er 1869 noch die Redaction des Aerztlichen Intelligenzblat­tes übernommen hatte. Ein Aufsatz in diesem vom Jahre 1869 behandelt »Die Blei­glasur vor Gericht« und ein weiterer von 1871 »Die Freigebung der ärztlichen Pra­xis.« Die hervorragendste Leistung Buchner’s in dem von ihm cultivirten Gebiete der Wissenschaft ist sein Lehrbuch der gerichtlichen Medicin für Aerzte und Juris­ten, München 1867, in welchem er die reichen Erfahrungen eigener praktischer Thätigkeit seit mehr als 18 Jahren niedergelegt und mit dem kritisch gesichteten Material anderer Forscher zu einer einheitlichen Darstellung des bisher im Gebiet der gerichtlichen Medicin Erworbenen verwoben hat. Die nüchterne, streng kriti­sche Forschung, wie sie die Wissenschaft heutzutage fordert, das Verständnis» des praktischen Bedürfnisses der Rechtspflege und Medicin in ihrer Wechselwirkung, die klare verständliche Sprache, die reiche und ausgewählte eigene Casuistik, die das Buch, enthält, haben nicht wenig zu seiner günstigen Aufnahme beigetrageu und werden dem Namen des Verfassers ein dankbares Andenken in der Wissen­schaft sichern. Leider war es Buchner nicht mehr vergönnt selbst die letzte Hand an die zweite Ausgabe seines Lehrbuchs zu legen, die durch die Sorgfalt seines Soh­nes und des Collegen des Verewigten Professor Dr. Hecker ihrem baldigen Erschei­nen entgegensieht.

Buchner genoss in hohem Grade dos Vertrauen seiner Collegen. Der hiesige ärztli­che Verein gab ihm hievon einen ehrenvollen Beweis, indem er ihn im Jahre 1848/49 zum Schriftführer und vier Jahre später zum Vorstande erwählte. In der bewegten Zeit des Jahres 1848 nahm der ärztliche Verein die Berufung eines ärztli­chen Congresses in die Hand, welcher durch Delegirte aus sämmtlichen Kreisen des Königreichs beschickt wurde. Der Congress zog nicht nur wichtige, die Stan­desinteressen betreffende Fragen in seine Berathung, sondern gründete, um dem ärztlichen Stande den ihm gebührenden Einfluss zu erwerben und zu sichern, die freiwillige ärztliche Association, welche sich in Bezirks- und Kreisvereine gliederte, und an deren Spitze der Ständige Ausschuss als Centralorgan gestellt wurde. Buch­ner genoss die Auszeichnung mit v. Graf, Oettinger, Fr. Seitz, v. Schleiss-Lö­wenfeld und v. Rothmund sen. in diesen Ausschuss berufen zu werden. Ausser der Vertretung der Standesinteressen wurden dem Ständigen Ausschusse durch Be­schluss des Congresses zwei specielle Aufgaben zugetheilt, nämlich die Herstel­lung eines Pensionsvereins für Wittwen und Waisen bayerischer Aerzte uud die Gründung eines wissenschaftlichen Vereinsorganes. Bei der Erfüllung dieser beiden Aufgaben durch den Ständigen Ausschuss erwarb sich Buchner grosse Verdienste. Nicht nur der Entwurf der Statuten des Pennsionsvereins und die Feststellung der­selben in der constituirenden Generalversammlung (1852), sondern auch die zur Einführung des Pensionsvereines nothwendigen und mühsamen Vorarbeiten des Verwaltungsrathes, in welchen Buchner gewählt worden war, wurden durch sein klares Urtheil und seine für derartige Berathungen vorzügliche Begabung wesent­lich gefördert. Ueberdiess war er bestrebt, sich von der Führung der Bücher und dem Cassawesen eine detaillirte Kenntniss zu verschaffen, so dass ihm bei dem Tode Oettingers von den übrigen Mitgliedern des Verwaltungsrathes einstimmig der für den Verein so wichtige Posten des Cassiers übertragen wurde, für den er durch seine mühsam erworbene Geschäftskenntniss, seine beinahe pedantische Ordnungsliebe und seine scrupulöse Integrität so vollkommen geeignet war. Als Cassier verfasste er auch die jährlichen Rechenschaftsberichte des Pensionsverei­nes mit einer Genauigkeit, die nichts zu wünschen übrig liess.

Buchner hatte bei seinem Wirken im Vereinswesen immer praktische Ziele vor Au­gen. Desshalb bekämpfte er mit aller Energie Pläne, die, wenn auch ihre glänzende Aussenseite zu bestechen vermochte, das nächst Erreichbare in Frage stellten. Die­sem Grundsätze treu war er ein heftiger Gegner der Verbindung des Pensionsver­eins mit einem Unterstützungsverein für in Noth gekommene Aerzte, weil ihm zu­nächst die Gründung eines Pensionsvereins durchführbar erschien, auch die späte­re Erweiterung desselben zu dem zweiten Zwecke sich vielleicht möglich erwies, die Zusammenlegung beider Projecte aber für den Moment einen Misserfolg vor­aussichtlich machte. Ja noch in der letzten Generalversammlung im verflossenen Jahre vertrat er gegenüber dem scheinbar so humanen Vorschläge, den Wittwen, welche nach den Satzungen nur die halbe Pension geniessen, die volle zu verleihen, mit Nachdruck und siegreich seine, auch vom Verwaltungsrathe getheilte Ansicht, dass durch eine solche Massregel die Sicherheit der rechnerischen Basis des Ver­eins erschüttert werde. Dagegen rührt ein anderer Antrag, der vom Verwaltungs­rathe gebilligt und von der Generalversammlung angenommen wurde und die fi­nancielle Grundlage des Instituts in keiner Weise alterirt, nämlich dem 6., 7., 8. Kin­de u. s. f. eines verstorbenen Mitgliedes (Die Satzungen gewähren nur fünf Kin­dern Pensionsanspruch aus dem Pensionsfonde.) einen der Kinderpension gleichen Erziehungsbeitrag aus dem mit Pensionsansprüchen nicht belasteten Stockfonde zu gewahren, nur von Buchner her und gibt ihm das beste Zeugniss wahrer Huma­nität.

Dieses ihm so liebgewordene Institut des Pensionsvereines, welches er mit ins Le­ben gerufen, und welchem er so viel Zeit und Kraft gewidmet, in seiner vollen Si­cherheit zu erhalten, betrachtete er in Uebereinstimmung mit seinen Collegen als die Hauptaufgabe des Verwaltungsrathes und trug zur Erfüllung derselben redlich seinen Theil bei.

Eine zweite Aufgabe, welche dem Ständigen Ausschüsse als Centralorgan der bayerischen Aerzte zufiel, bestand in der Gründung eines wissenschaftlichen Ver­einsorganes. Auch an den Verhandlungen, welche zu diesem Zwecke im Ständigen Ausschüsse stattfanden, nahm Buchner regen Antheil, ohne Ahnung, dass ihm selbst noch in den letzten Jahren seines Lebens die Redaction dieses Vereinsorga­nes, des Aerztlichen Intelligenzblattes nämlich, zufallen werde. Denn nach dem durch gehäufte Geschäfte veranlassten Rücktritte des langjährigen Redacteurs Dr. Aloys Martin, (jetzt k. Medicinalrath und Professor) konnte der Ständige Ausschuss nicht leicht eine bessere and erprobtere Kraft für diesen Zweck finden, als Buchner. Der Einladung des Ständigen Ausschusses folgend übernahm er vor 3 Jahren die Redaction des Aerztlichen Intelligenzblattes und führte sie bis zu seinem Tode in der gewissenhaften Weise fort, wie sie ohnehin den Lesern dieses Blattes bekannt ist.

Der Ständige Ausschuss hatte sich endlich noch der Vertretung der ärztlichen Inter­essen zu unterziehen. Die zahlreichen Zuschriften und Vorschläge oder Wünsche, welche demselben von den Kreisausschüssen zugingen, erforderten collegiale Be­ratungen, bei welchen Buchner niemals fehlte, und bei denen sein richtiger Takt und sein gediegenes Votum nicht selten einen entscheidenden Einfluss übten.

Buchner hat sich als praktischer Arzt eine ausgebreitete Clientei erworben. Hatte er auch das Glück, durch den k. Leibarzt, Geheimerath Dr. v. Wenzl, in die Praxis eingeführt und durch den k. Hofstabsarzt und späteren Leibarzt König Ludwigs I., Geheimerath Dr. Schrettinger, in derselben gefördert zu werden, so veranlasste doch auch die Specialität in den Frauen- und Kinderkrankheiten, welcher er sich ge­widmet hatte, seine Berufung in viele Familien, und durch sein eifriges und umsich­tiges Wirken befestigte er das schnellerworbene Vertrauen. Eine lange Reihe von Jahren war er ausserdem Hausarzt in den Klöstern und Erziehungsinstituten von Nymphenburg und Berg. Buchner’s erfolgreiches, auf wissenschaftlicher Grundlage beruhendes Handeln hat ihm die Dankbarkeit seiner Patienten in hohem Masse er­worben.

Wie schon aus dem Vorhergehenden ersichtlich besass Buchner eine grosse Ar­beitskraft. Thätig als Arzt, als Schriftsteller und Redacteur, als Beisitzer des Medi­cinal-Comité’s und Mitglied des Kreismedicinalausschusses, fand er doch noch Zeit, sich den Standesinteressen seiner ärztlichen Collegen und dem ärztlichen Pensions­vereine in ausgiebiger Weise zu widmen. Bei einer grossen Praxis verwertete er selbst die Zeit während des Umherfahrens in der Stadt zur Lesung von Journalen, zur Herstellung von Notizen und selbst Concepten. Was Buchner schrieb, war schon fertig im Gedankengange sowohl, wie zum grössten Theile in der Form, ehe er die Feder ergriff. Daher fanden sich in der Regel auch in seinen Concepten keine oder nur wenige Verbesserungen. Seine Rede, wie sein Styl verschmähte äusserli­chen Glanz, sie war einfach und schmucklos, immer aber logisch geordnet, seine Beweisgründe triftig, oft schlagend. Buchner hatte sich auf der Grundlage classi­scher Studien eine umfassende allgemeine Bildung durch fleissige und gewählte Lectüre, sowie eine gründliche Kenntniss der neueren Sprachen erworben, die ihm sowohl in der Ausübung seiner Praxis als auch in der Lectüre der Schriftsteller fremder Nationen sehr zu statten kam. Eine sich schon in früher Jugendzeit kund­gebende Vorliebe für Musik begleitete ihn durch das ganze Leben. Für Buchner gab es keinen Stillstand, seine wissenschaftliche Fortbildung endete erst mit sei­nem Leben.

Schon frühe gründete Buchner seinen eigenen Heerd, indem er sich mit Amalie, Tochter des k. Staatsbuchhalters Mayler verehelichte (1838). Schon nach drei Jah­ren trennte der Tod diese glückliche Verbindung. Ein aus dieser Ehe entsprossener Knabe folgte seiner Mutter im neunten Lebensjahre. Buchner blieb nach dem Tode seiner Gattin 2 Jahre Wittwer, dann erst schritt er zur Wiederverehelichung mit Ka­roline, Tochter des k. Regierungsrathes Sprengler. Auch diese zweite Ehe hatte durch den frühzeitigen Tod der Gattin nur die kurze Dauer von drei Jahren. Seine zweite Gattin hinterliess ihm eine Tochter, deren Anstellung als Erziehungsdame im k. Max-Joseph-Stifte eines der letzten freudigen Familienereignisse war, welche Buchner erlebte. Wieder verharrte er 3 Jahre im Wittwerstande, bis er, erst 37 Jah­re alt, mit Friederike, Tochter des k. Stabscassiers Martin die dritte Ehe schloss, in der er ein bis zu seinem Tode dauerndes Glück genoss. Zwei Söhne aus dieser Ehe, von denen der ältere sich auch dem Studium der Medicin widmet, betrauern seinen allzu frühen Tod, denn Buchner war ein treuer, sorgsamer Vater, der die Erziehung seiner Kinder mit aller Liebe, aber auch mit vollem Ernste und mit der grössten Um­sicht zu leiten verstand.

Buchner besass einen kräftigen, abgehärteten Körper, der von schweren Erkran­kungen verschont blieb. Erst vor wenigen Jahren bildete sich bei ihm plötzlich ein kleiner apoplektischer Heerd in der Nähe der Papille des Sehnervens; die dadurch bedingten Störungen des Sehvermögens verloren sich verhältnissmässig rasch durch vollkommene Aufsaugung des ausgetretenen Blutes. Buchner wusste diese Andeutung, dass seine Gefässe wohl von dem atheromatösen Processe ergriffen sein möchten, sowie das Bedenkliche dieses Zufalles wohl zu würdigen. Er äusserte sich auch über die Art des Todes (Apoplexie), die ihn früher oder später treffen würde; auf seine Thätigkeit hatte dieser Unfall aber keinen Einfluss, denn er nahm dieselbe nach seiner raschen Wiederherstellung in allen Richtungen sogleich wie­der auf. Ohne weitere Vorboten, als Spuren von zeitweiser Vergesslichheit, welche an ihm etwas Ungewöhnliches war, erlitt Buchner in der Nacht vom 1. auf den 2. Ja­nuar l. Js. einen heftigen apoplektischon Anfall. Noch konnte er seine Gattin rufen und ihr mittheilen, dass er sich krank fühle, noch vermochte er, kalte Umschläge zu verlangen und selbst dem schon gelähmten Arm mit Hilfe des gesunden eine ande­re Lage zu geben, da trat vollkommene Bewusstlosigkeit ein. Der herbeigerufene Arzt fand ihn in tiefem Sopor und überhaupt in einem Zustande, der kaum mehr eine Spur von Hoffnung liess. Unter steigender Verschlimmerung der so plötzlich aufgetretenen Krankheit erfolgte Buchner’s Tod ruhig am 2. Januar l. Js. Nachmit­tags 2 Uhr. Das Leichenbegängniss fand am 4. Januar im südlichen Friedhofe unter allgemeiner Theilnahme statt. Die Professoren der hiesigen Universität, der Rector magnificus an der Spitze, die Mitglieder aller Collegien, in denen Buchner thätig war, die Mitglieder des Aerztlichen Vereines, seine zahlreichen Clienten, wobei die höchsten wie die untersten Schichten der Gesellschaft vertreten waren, die vielen Freunde des Verlebten gaben ihm das letzte Geleit.

Wer wie Buchner in den verschiedenen Richtungen, in welchen er wirkte, nach dem übereinstimmenden Zeugnisse aller jener Männer, die mit ihm zusammen zu dem einen oder anderen Zwecke gearbeitet haben, durch sein allzu frühes Scheiden eine empfindliche Lücke zurücklässt, der hat nicht nur in hervorragender Weise sei­ne Pflicht erfüllt, sondern muss auch eine weit über das gewöhnliche Mass hinaus­gehende Begabung, Tüchtigkeit und erfolgreiche Thätigkeit bewiesen haben, wel­che ihm ein ebenso ehrenvolles als dauerndes Andenken sichern.

Extra-Beilage zum Aerztlichen Intelligenz-Blatte Nr. 15 vom 11. April 1872.


01-02-08/09 (Buchner)