Abendblatt (30.4.1901) / t_830

Feuilleton.

Kgl. Akademie der Tonkunst. Das dritte diesjährige Konzert von Schülern der Kgl. Akademie der Tonkunst ging gestern Abend im Odeonssaal unter der Leitung Prof. Bußmeyers vor sich. Es nahm einen guten Verlauf, der die Lehrer wie die Schüler gleich ehrt; die Ausführung der verschiedenen, zum Theil recht schwierigen Werke bewies, daß ein strenges, eingehendes Studium vorangegangen war. Zufälligkeiten und kleine Entgleisungen wird man gerade Schülern am wenigsten anrechnen – erleben wir doch bei den fertigsten Künstlern, von einem ganzen Orchester zu schweigen, zuweilen Konzerte, die an diese Schüleraufführungen nicht heranrei­chen. Der Eifer und die junge Lust, womit Alle an ihre schöne Arbeit gehen, ersetzt viel akademische, leider oft staubige Korrektheit, und so war es auch gestern mehr als nur ein Pflichtgenuß, womit man den verschiedenen Gaben zuhörte.

Die frische Wiedergabe einer Symphonie in G-dur von Haydn eröffnete das Kon­zert. Hierauf sang Elsa Gerdeissen, eine angehende Künstlerin, der wir schon frü­her begegnet sind, die Arie »Ach nur einmal noch im Leben« aus »Titus« von Mo­zart; die Stimme hat viel Klang, und da die junge Dame sie verständig zu behan­deln weiß – das Tremolo setze ich auf Rechnung der Befangenheit – und mit Ge­schmack vorträgt, so erscheint der herzliche Beifall, den sie erntete, durchaus am Platze.

Abendblatt Nr. 119. München. Dienstag, 30. April 1901.


27-13-25/26 (Gerdeissen)