A. Heinrich’s Deutscher Bühnen-Almanach (1862) / t_51

Nekrologe

J. A. Stöger.

Am 7. Mai d. J. starb zu München plötzlich am Schlagfluß ein in der Theaterwelt sehr bekannter Mann, der ehemalige Direktor J. A. Stöger. Sein wahrer Name war Johann August Althaler. Er war im Jahre 1791 zu Stockerau geboren. Während sei­ner Gymnasialstudien fungirte J. A. Althaler als Chorknabe am k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore. Von seinen Eltern zum geistlichen Stande bestimmt, absolvirte er die philosophischen Studien und hörte ein Zeit lang die Theologie. Seine schöne Tenorstimme fiel auf und Althaler verließ, dem Zureden seiner Freun­de folgend, die begonnene theologische Laufbahn, um sich dem Theater zu wid­men. Er trat unter dem nom de guerre Stöger in Wien, Olmütz und Brünn auf. Der bekannte Prager Heldenspieler Franz Rudolph Bayer hörte denselben und empfahl ihn an seinen Direktor J. C. Liebich, der den stimmbegabten jungen Mann für das k. ständische Theater zu Prag engagirte. Stöger’s Mittel waren nicht groß, aber schön und sympathisch, sein Vortrag seelenvoll, aber von einer unüberwindlichen Ungeschicklichkeit. Ein sehr günstiges Zeugniß über Stöger als Sänger enthält der Briefwechsel Anton Prokesch’s von Osten mit Schneller. Nach Liebich’s Tode führte dessen Wittwe Johanna Liebich, geb. Wimmer, deren Castelli in seinen Memoiren als Schauspielerin gedenkt, noch einige Jahre die Direktion des Prager ständischen Theaters, und Stöger stand derselben nebst dem Schauspieler Ferdinand Polawski, jedoch nur als stiller Theilnehmer zur Seite. Als Franz v. Holbein am 1. März 1821 dieses Theater übernahm, verließ Stöger mit der Wittwe Liebich, welche er später ehelichte, Prag und führte im Verein mit derselben nach einander mehrere österrei­chische Bühnen (zuweilen zwei zugleich); namentlich Gratz, wo ihn das Unglück des Theaterbrandes schwer betraf, Triest, Preßburg und zuletzt das priv. Theater in der Josephstadt zu Wien. Wiederholt hatte Direktor Stöger Reichthümer gesammelt und durch kühne, weitausgreifende Spekulationen wieder verloren. Auch in der Jo­sephstadt zu Wien war er nahe daran, zu Grunde zu gehen, als ihn Raimunds »Ver­schwender« und der Baritonist Pöck (namentlich als Prinz-Regent im »Nachtlager von Granada«) wieder retteten.

Ehe sein Kontrakt in Wien zu Ende war, löste Stöger denselben freiwillig, weil ihm die Direktion des ständischen Theaters zu Prag von den Ständen übertragen wor­den war. Am 1. Mai 1834 eröffnete er seine Entreprise zu Prag mit einem neuen Lustspiel von Johanna Frau von Weissenthurn, welches nicht ansprach. Es waren »Die Geprüften«. Von den mitgebrachten Schauspielern wollte anfangs keiner recht gefallen, nur der noch immer an der Prager Bühne thätige Schauspieler Hr. Wilhelm Walter, der in Wien als der erste Darsteller des Chevalier Dumont im »Verschwen­der« verdiente Aufmerksamkeit erregt hatte, gefiel gleich am ersten Abend ent­schieden. Rasch nach einander gewannen dann auch Marie Frey, Carl W. Fischer und Karl Dietz eine ehrende Beliebtheit. Einen um so glänzenderen und sehr nach­haltigen Erfolg aber errang Stöger’s erster Opernabend (»Der Barbier von Sevilla«) mit Pöck, Demmer, Preisinger, Brava und Frl. Kratky. Das glänzendste Glück machte Pöck als Figaro, damals im Zenith seiner Kraft. Schon als Pöck die ersten Töne sei­ner großen Arie hinter der Coulisse anschlug, erschall allgemeiner Jubel in dem vol­len Hause. In den Damen Podhorsky und Lutzer übernahm Stöger von der vorigen Direktion zwei Perlen. Stöger’s Oper in Prag galt für eine der besten in Deutsch­land. Nur zu bald wurde das ausgezeichnete Ensemble durch den Durchgang Pöck’s zerrissen, dann verließ ihre Vaterstadt Prag, die Lutzer. Demmer’s Stimme nahm rasch ab, dennoch gingen die ersten sechs Jahr der Entreprise immer noch zur vollen Zufriedenheit des Publikums vorüber, das Repertoir war reich und man­nigfaltig, es war für eine schöne Ausstattung der Novitäten gesorgt, gute Gäste kamen und die Oberleitung war thätig. Die Etablirung einer großartigen Ziegelei bei Prag begann jedoch später die Aufmerksamkeit des Theaterdirektors derge­stalt zu absorbiren, daß die ständische Bühne dem Krebsgang verfiel.

Hierzu kam noch eine zwar großartig angelegte, aber doch verunglückte Unterneh­mung. Stöger erbaute mit großem Aufwande auf einem schlecht gewählten Platz in der Rosengasse ein zweites Theater für böhmische Vorstellungen und deutsche Possen, welches zugleich als Redoutonsaal dienen sollte. Die Vorstellungen darin wurden am 28. September 1842 mit dem böhmischen Originallustspiel »Karl Skre­ta« von W. J. Swoboda, eröffnet.

Mit der Zugkraft des »Zauberschleiers« war die kurze Erntezeit des Stöger’schen Theaters in der Rosengasse vorüber, es vegetirte und verkümmerte, theilweise un­ter den verschiedensten Intriguen, und Stöger verkaufte dasselbe im Jahre 1846 an das Aerar, welches das Theatergebäude zur Aufnahme des k. k. Pfand- und Leih­hauses bestimmte. Mit dem Palmsonntag 1846 war auch Stöger’s Kontrakt mit den böhmischen Ständen zu Ende und diese verliehen ihr Theater an den Rigaer Thea­terunternehmer Johann Hoffmann.

Stöger privatisirte nun, bis er im Jahre 1848 abermals das priv. Theater in der Josephstadt zu Wien übernahm, das er nach empfindlichen Verlusten bald wieder aufzugeben genöthigt ward. Zum zweiten Male erhielt er im Jahre 1852 auf sechs Jahre das Prager königl. ständische Theater. Auch diesmal hatte Stöger’s Oper eine, wenn auch vorübergehende Glanzperiode durch den Tenor Franz Steger, durch Dr. Schmid, Frl. Louise Meyer u. a. Wieder traten Rückschritte ein, Stöger war zur Führung der Bühne zu alt geworden und im letzten Jahre seiner Direktion (1858) bestand die Stärke seiner Entreprise lediglich in der Posse. Zu Ostern 1858 übernahm Hr. F. Thomé das Prager Theater und behielt Stöger als stillen Kom­pagnon. Der kostspielige Bau des Neustädter Theaters vor dem Roßthore und dessen Eröffnung zur Kriegsepoche des Jahres 1859 brachte eine Krisis herbei, welche u. A. die Auflösung der Compagnie Stöger’s mit Thomé zur Folge hatte.

Stöger, der sich stets den Ruf eines soliden Ehrenmannes zu wahren wußte, folgte seiner einzigen Tochter nach München, wo dieselbe als dramatische Sängerin am k. Hoftheater engagirt ist. In München erlag er am 7. Mai 1861 plötzlich einem Schlagfluß. F. B. M.

A. Heinrich’s Deutscher Bühnen-Almanach. Herausgegeben von A. Heinrich’s Nachfolger, A. Entsch. Berlin, 1862.


06-13-57* (Althaller)