Kinder, Kriminalität

Bei Gelegenheit eines unsittlichen Umganges

Verhandlungen des k. Bezirksgerichts München I/I. Sitzung am 12. Febr. Rosina Dangl, Meerschaumschneiderstochter von der Vorstadt Au, noch nicht 16 Jahre alt, wurde wegen Vergehens des Diebstahls, zum Schaden des Handlungsreisenden J. B. aus Berlin durch Entwendung einer silbernen Taschenuhr mit goldener Kette im Werthe von 55 fl. bei Gelegenheit eines unsittlichen Umganges, in eine monatliche Gefängnißstrafe verurtheilt.

Münchener Omnibus. Sonntag den 15. Februar 1863.

Kriminalität

Der Scharfrichter von München (1)

Symboldbild: Die öffentliche Hinrichtung von Karl Ludwig Sand am 20. Mai 1820 am Heidelberger Tor in Mannheim (Kolorierter Kupferstich; um 1820).

Auf dem Alten Südfriedhof an der Thalkirchner Straße in München liegen zahlreiche Opfer der Todesstrafe. Viele von Ihnen wurden vom Scharfrichter Lorenz Scheller enthauptet. Über diesen »Nachrichter« erschien 1873 im Feuilleton der Augsburger Neuesten Nachrichten die nachfolgend in Transkription wiedergegebene mehrteilige – äußerst wohlwollende – Artikelserie.

Die letzte öffentliche Enthauptung mit dem Schwert in München fand am 11. Mai 1854 auf dem Marsfeld – im Bereich der heu­tigen Arnulfstraße/Starnberger Bahnhof – statt: Der 19jährige Sattlergeselle Christian Hussendörfer [42–7–10] war wegen Mordes an seinem Meister Joseph Lindenmaier zum Tod verurteilt worden.
Öffentliche Hinrichtungen waren ein beliebtes Spektakel und die Polizeidirektion sah sich im Vorfeld der Hinrichtung veranlasst, nochmals ausdrücklich auf das Verbot, an der Richtstätte Schaugerüste aufzustellen und Lebensmittel zu verkaufen, hinzuweisen.

Die Hinrichtung Hussendörfers war ein Fiasko: Lorenz Scheller benötigte sieben Hiebe, um den Kopf vom Rumpf zu trennen und er mußte zum Schutz vor der aufgebrachten Menge von einer Gendarmerie-Eskorte nach Hause begleitet werden. Aufgrund dieser mißlungenen Hinrichtung wurde zukünftig eine von Johann Michael Mannhardt [MR–185] umgebaute Guillotine (Mannhardt-Fallbeil/Bayerische Guillotine) benutzt.


Im jetzigen Augenblicke beschäftigt die Conversation des Publikums in engern wie weiteren Kreisen eine Persönlichkeit, welcher als Organ der Strafjustiz, der genaue Vollzug der Todesstrafe anvertraut ist, wir meinen den Scharfrichter des diesseitigen Bayerns: Hrn. Lorenz Scheller. Noch heute, in den Tagen unseres vorgeschrittenen Zeitalters, beliebt man im Volke grauenhafte Geschichten von diesem oder jenem Nachrichter und seinen Amtirungen zu erzählen, dessen Characterzüge, Privat- und Familienleben, sowie dessen Urtheilsvollstreckungen zu entstellen, indem eine unedle Fama sich nicht entblödet, den wahren unbestrittenen Thatsachen, allerlei absurde, grauenhafte, und größtentheils unwahre Zuthaten anzureihen, mit einem Worte sich bestrebt, eine mittelalterliche Scharfrichter Chronik zusammen zu fabeln und zum Nachtheile der Betreffenden zu verbreiten, was derselben um so leichter gelingen möchte, als gerade mit der Individualität des Scharfrichters und den Eigenthümlichkeiten seines Gewerbes sich ja die Phantasie des Volkes so gerne beschäftigt, und trotz aller Culturbestrebungen, der Nachrichter, einem großen Theil des Publikums gegenüber, noch immer als ein unheimliches Wesen gilt, obwohl dessen Amtirung seit der im Jahre 1854 eingeführten Fallschwert-Maschine, lediglich in der Beaufsichtigung und Dirigirung derselben besteht, und alle übrigen Funktionen, wie Entblößen, Anschnallen, Heben und Einschieben unter das Fallschwert und dergl. durch dessen Gehilfen besorgt werden. Lächerliche, alte Vorurtheile und irrige Begriffe, noch aus jener Zeit stammend, in welcher das Amt des Nachrichters meist mit dem Gewerbe der Wasenmeisterei vereinigt war, verbreiteten unter dem Volk die Ansicht, daß der Nachrichter ein anrüchiges Individuum sei, während doch nachweisbar dieß Amt für sich allein bestehend, die bürgerliche Ehre dessen, der es bekleidet, noch niemals beeinträchtigt hat, der vom Staate öfters, sogar mit pragmatischen Rechten, gleich jedem andern Staatsdiener besoldete Scharfrichter – wie es bei Martin Hermann in München und Scheller’s Vater der Fall gewesen, welch Erster nebst freier Wohnung eine Besoldung von 1075 fl. und pragmatische Rechte genoß, während der jetzige Scharfrichter eine solche von 700 fl. nebst freier Dienstwohnung bezieht – zu jeder Zeit im Vollgenusse seiner bürgerlichen Ehre steht. Zugleich bemerken wir, daß ehedem die Scharfrichtereien als eine Art zünftigen Gewerbes betrieben wurden, und der dasselbe Ausübende wurde erst dann als Meister anerkannt, sobald er einen Verurtheilten wirklich regelrecht hingerichtet, resp. enthauptet hatte. Noch heut zu Tage bildet sie bisweilen eine abgeschlossene Kaste, so, daß ein solches Amt im Erledigungsfalle meist nur den Kindern und Verwandten von Scharfrichtern, oder Jenen, welche bei diesen als Angehende dienten, zufällt. Dieß war auch bei Lorenz Scheller, dessen in mancher Hinsicht nicht uninteressante Biographie wir den geehrten Lesern nicht vorenthalten zu dürfen glauben, in ähnlicher Weise der Fall.

Amberg, das reizend situirte Städtchen in der Oberpfalz, dessen Boden vor Kurzem mit dem Sühne-Opferblute der beiden dort enthauptet wordenen Raubmörder Marchner (Vater und Sohn) getränkt wurde, ist die Geburtsstätte Scheller’s, der 4. Februar 1816 sein Geburtstag. Hier domicilirten die Eltern, nämlich sein Vater Scheller, welcher für die Oberpfalz, Bayreuth und später auch für Niederbayern das Amt eines Nachrichters versah, und dessen Gattin, eine Tochter des bejahrten Scharfrichters und rühmlich bekannten Thierarztes, Martin Hermann, der in einem Häuschen nächst des Sendlingerthores gewohnt hatte, und dessen letzte Execution jene zu München auf dem sog. Galgenberge – an der berüchtigten Nürnberger Wirthstochter, Maria Birnbaum [13–4–53*, ihr Opfer Elisabeta: 19–1–3*] , Haushälterin des Postsekretärs Franz Unterstein [19–2–23*] im November 1837 vollzogen – gewesen war. Von Jugend auf besuchte Scheller öfters seinen Großvater, den alten Hermann, und erwarb sich im Laufe der Zeit vorderhand theoretisch einige Vertrautheit und Sicherheit in der Handhabung des Richtschwerts, ohne jedoch damals schon entschlossen gewesen zu sein, in die Fußstapfen seines Großvaters und Vaters zu treten. Mit empfehlenden Schul- und Leumundszeugnissen versehen, traf ihn die Conscription. Zuerst im 10. Inf.-Reg. eingereiht, später zum 2. Inf.-Reg. versetzt, diente er bis zum Jahr 1849 im k. Heere mit Auszeichnung. Ebenso wacker hielt er sich im Gendarmerie-Dienste, in welchem er eine geraume Zeit als Aktuar in der Canzlei des Gendarmerie-Corps-Commando’s verwendet worden war. Wegen besonderer Energie und Muthes hatte sich Scheller mehrerer Belobungen und Belohnungen zu erfreuen. Unter andern lebensgefährlichen Aufgreifungen und Festnehmungen berüchtigter Gauner und Strolche, welche er in seiner neuen Dienstsphäre zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten ausführte, gehört auch jene des, aus dem Zuchthause in der Au entsprungenen berüchtigten Sträflings Michael Reiter, den er ohne andere Beihilfe, Angesichts verzweifelter Gegenwehr, muthvoll bewältigte und gefangen zurückbrachte. So hatte er sich denn fünfzehn Jahre lang mit unverdrossenem Eifer theils dem Waffen-, theils dem Sicherheitsdienste gewidmet und die besten Empfehlungen zur Gewinnung eines anderweitigen Dienstes in Civil, standen ihm zur Seite. Da gedachte er der Amtsübung seines Vaters und entschloß sich, wenn möglich, sein Nachfolger zu werden. Obwohl sich Scheller fest vorgenommen hatte, sobald noch nicht in den Stand der Ehe zu treten, fand sich doch, nachdem er kaum sein 36. Lebensjahr zurückgelegt hatte, der Gegenstand seiner Neigung und trotzdem er vorher manch‘ gute Partie ausgeschlagen hatte, in der Person einer fleißigen braven Ladnerin bei Kaufmann Vogl, der Schneidermeisterstochter Franziska Zaska aus Türschenreuth. Er hatte aber in seiner Braut ein bescheidenes mit häuslichem Sinne begabtes Mädchen, als Gattin eine treue Lebensgefährtin und sorgsam liebende Mutter gefunden, was wollte er mehr? Sein Familienglück und häuslicher Friede erlitten keine Störung, obwohl auch Scheller dann und wann Schicksalsschläge zu erdulden hatte, wie sie eben das Verhängniß jedem Sterblichen zur Prüfung seines wahren Werthes auferlegt. Seine Ehe ist auch in anderer Beziehung eine gesegnete zu nennen. Scheller wurde von seiner Gattin mit 13 Liebespfändern beschenkt, von denen jedoch der Himmel einen großen Theil noch im frühesten Kindesalter zurückforderte. Als Ersatz für so herben Verlust ließ er ihm dafür vier hübsche blühende Kinder, nämlich drei Mädchen und einen Knaben.

(Forts. folgt.)

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Der Scharfrichter von München (2)

(Fortsetzung.)

Allenthalben zeigen sich in seinem Häuschen und außerhalb desselben Spuren der Thätigkeit eines sorgsamen Familienvaters, Alles ist nach Kräften trotz der herrschenden Theuerung und der zur Verfügung stehenden bescheidenen Subsistenzmittel, sehr einfach, aber geordnet bestellt. Die Töchter sind wohl erzogene, fleißige Mädchen, der Knabe, nach Zeugniß seiner Elementarlehrer, einer der vordersten Schüler. Es berührt daher den Besucher in doppelter Beziehung angenehm, gerade von allen dem das Gegentheil zu finden und konstatiren zu können, was altgewöhntes Vorurtheil und Gehässigkeit auszubreiten suchen.

Schon im Jahre 1853 suchten die noch übrigen Scharfrichter von München, Amberg und Eichstädt behufs größerer Sicherheit bei Vollstreckung der Todesstrafe um Einführung einer Guillotine, ähnlich der zuerst in Sachsen eingeführten, dem von dem Dresdener Mechaniker Kleber konstruirten Fallschwerte, höhern Ortes nach. Diesem Gesuche wurde alsbald allerhöchst willfahren, und vorläufig für die nächsten Hinrichtungen zufolge Vereinbarung, die württembergische Guillotine entlehnt, gleichzeitig aber Mechanikus Mannhardt in München, mit der Construirung und sofortigen Verfertigung eines praktischen und sicheren Fallschwertes betraut. Dieser talentirte Maschinist löste seine Aufgabe vollständig durch Herstellung eines solchen Instruments, mittelst welchem nicht nur eine sehr sichere, sondern auch schnelle Enthauptungs-Manipulation erzielt wurde.

Der Delinquent ist jetzt doch wenigstens der höchst peinigenden Sorge, nebst den Todesängsten, wegen martervoller Wiederholung von falschen Schwerthieben, wie sie selbst dem geübtesten Nachrichter bei Enthauptungen mit dem Schwerte auf dem Stuhle nicht entgingen, enthoben. Hiebei glauben wir anführen zu sollen, daß Scheller dem Verfertiger in mehrfacher Beziehung zur Herstellung derselben wesentliche Dienste durch eigene Angaben und Erfahrungen leistete und somit Vieles zu deren Vereinfachung, schnellen und sichern Bewegung beitrug, so daß die Dauer der eigentlichen Hinrichtungsscene eine Minute nicht übersteigt.

Schon vor seiner im Jahre 1852 erfolgten Anstellung hatte Scheller seinem damals 64 Jahre alten Vater bei mehreren Executionen, wie zu Bayreuth, Straubing u. a. O. Aushilfe geleistet und seinen Meisterhieb gethan. Damals war er noch ein junger, aufgeregter Mann, der sich erst die Hörner abstoßen mußte.

Nunmehr ist Lorenz Scheller ein gesetzter Mann von 57 Jahren, unterhaltender Gesellschafter mit einnehmendem Aeußern, ebenmäßiger Statur, gesundem Aussehen, bartlos, mit blondem Haupthaar und ruhigem, aufrichtigen Blicke. Sein einfacher, gewählter Anzug, gepaart mit einem anständig sittlichen Benehmen, lassen aus seinem Exterieur keineswegs denjenigen Freimann schließen, wie ihn die immer rege Phantasie des Volkes sich häufig vormalt. Desgleichen müssen wir seinen Vorfahren Gerechtigkeit wiederfahren lassen.

So bekleidete z. B. sein Großvater Joseph Scheller das Amt eines Nachrichters und Gemeinebevollmächtigten zu Eichstädt, war dort Bürger und gesuchter Thierarzt. In ähnlichen Verhältnissen soll der jetzige Scharfrichter von Speyer stehen. Ersterer genoß in Eichstädt die allgemeine Achtung seiner Mitbürger. Münchens Scharfrichter hatte auch vor mehreren Jahren eine Krämerei etablirt, und mit allem Comfort versehen; am Vorurtheile und dem blöden Aberglauben des Publikums scheiterte jedoch sein Unternehmen, mit welchem er sich zu seinem geringen Gehalte einen kleinen Nebensverdienst verschaffen wollte. Man beschuldigte ihn unter anderm der Vornahme heimlicher Hinrichtungen, welche in einem Gewölbe der Frohnfeste sehr häufig stattfänden, eine Beschäftigung, die mit seinem Krämergeschäfte nicht vereinbar wäre, und sogar beim Miethen seiner Wohnungen wurden ihm fortwährend die absurdesten Hindernisse in den Weg gelegt, bis er endlich solch ungerechtfertigter Begegnungen überdrüssig, um eine Dienstwohnung nachsuchte und diese selbstverständlich auch bereitwilligst erhielt.

Wir vermögen in Schellers Handlungen in keiner Beziehung die grelle Dienstesüberschreitung zu erkennen, wie sie der Nürnberger Corresp. hinzustellen sich ereifert. Jedem Nachrichter muß fürs Erste daran gelegen sein, über Schuld oder Nichtschuld des Delinquenten, der durch seine Hände den Tod als Verbrechenslohn empfangen soll, eine gewisse Ueberzeugung zu haben, eine untrügliche Gewißheit darüber, ob er einen Schuldigen oder Unschuldigen hinzurichten im Begriff stehe, was ihm nicht gleichgiltig sein kann und darf, da er sich in letzterem Falle zum indirekten Helfershelfer eines Justizmordes hergeben würde; für’s Zweite, daß derselbe mit Gott und Welt ausgesöhnt, womöglich in reumüthigem Zustande durch ihn vom Leben zum Tode befördert werde. Jedem nicht gänzlich entmenschten, in Folge zahlreicher Uebungen seines blutigen Amtes, abgestumpften Nachrichter, wird das peinliche Gegentheil hievon, wie es bei Marchner sen. bis zum letzten Morgen stattfand, herzlich bekümmern, oder doch mindestens höchst widerwärtig sein. Dies dürfte aber, in Berücksichtigung der bekannten, religiösen Gemüths- und Sinnes-Richtung Schellers, um so verzeihlicher erscheinen, als derselbe bisher bei seinen zahlreichen Executionen, grundsätzlich, kein ihm gesetzlich erlaubtes Mittel, an den ihm schließlich von der Vollzugs-Commission überantworteten Delinquenten, zur Erlangung deren Schuldbekenntnisse und Bereuung, unversucht ließ.

(Forts. folgt.)

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Der Scharfrichter von München (3)

(Fortsetzung.)

Alle diese vorgeführten Motive einer gegründeten Besorgniß hatten Scheller’n zu der kurzen Rede veranlaßt, die er an den, seine volle Unschuld fortwährend betheuernden, alten Marchner richtete, und welche derselbe mit auffallender Gleichgiltigkeit, ohne den, der zu ihm sprach, nur eines Blickes zu würdigen, mit ungläubigem Kopfschütteln anhörte. Und wenn ein gemachter Versuch zur Erlangung der Bekennung der Blutschuld Marchners, durch energische Anspreche an diesen auch nicht in der Competenz des Nachrichters lag – noch liegt – so dürfte es ihm doch erlaubt gewesen sein, nachdem Untersuchungsrichter, Vertheidiger und Seelsorger das letzte Wort gesprochen, das ihm nunmehr übergebene »Opfer«, wie der Nürnb. Corresp. den Verurtheilten, unter den Händen des Scharfrichters nennt, im letzten Momente, der Liebe zur Wahrheit und dem Himmel zuzuwenden, und sich hiedurch zugleich sein in der That nicht beneidenswerthes Amt zu erleichtern.

Nach jener Anschauung aber müßte der Scharfrichter so letargisch und mechanisch, wie seine Maschine selbst, sich dem gegenüber verhalten, Dem er gemäß Urtheils den Lebensfaden zu durchschneiden hat, und dürfte sich weiter um nichts kümmern als um dessen Hals. Zu dieser Kategorie von Menschen gehört jedoch der Held unserer Geschichte nicht. Auch der tapfere Feldsoldat, welcher in seiner Pflicht handelt, in der Bataille so viele Feinde als möglich tödtet und zu tödten trachtet, thut dies weder kaltblütig, machinenmäßig, noch gefühllos.

Scheller will in keiner Weise den Inquirenten gespielt, sondern im Interesse seines Gewissens gehandelt haben, dessen Ruhegefährdung ihm gebot, nachdem der Priester an ihm vergeblich seine Worte verschwendet hatte, durch ein Paar eindringliche Vorstellungen, ein Schuldgeständniß von seinem Delinquenten zu veranlassen. Dem Vorwurfe eines stattgehabten Augenspieles, widerspricht er ebenfalls und erlaubt sich hiebei die Frage, ob man dies in den Worten: »Du kannst mich ja gar nicht ansehen, und betheuerst doch fortwährend deine Unschuld, willst du mir weiß machen, daß ich in deiner Person einen Schuldlosen hinrichten werde!« herausfinden wolle? Bei diesem Anlasse säumen wir nicht, eines Falles aus den Erlebnissen des Nachrichters Erwähnung zu thun, welcher eclatant von der nicht selten wichtigen und einflußreichen vertraulichen Zusprache zum Gemüthe des Verurtheilten überzeugen wird. Der wegen qualificirten Mordes, verübt in den fünfziger Jahren dahier, an dem Cigarrenhändler L. Sterl [Ludwig Reeb: 11–9–56*], und zwar in frechster Weise zur belebtesten Tagesstunde, in einem offenen Laden am Karlsthor-Rondell, zum Tode verurtheilte Metzgergeselle, Georg Treiber [18–3–37*], betheuerte bis zur Stunde vor seiner Hinrichtung seine Unschuld, und beklagte sich über ungerechte Verurtheilung.

Da trat eine Viertelstunde vor seiner Abführung der Scharfrichter vor ihn und ermahnte ihn nochmals eindringlich zur Wahrheit. Was Keinem gelang, setzte Dieser, ohne Scharlachmantel und bloßem Richtschwert durch – Treiber bejahte seine Schuld, gestand in Gegenwart Anderer sein Verbrechen und bat sofort Beichte ablegen zu dürfen. Scheller säumte nicht, dieß Ergebniß sogleich dem damaligen Vollzugs-Commissär, Rath Weichsler, mitzutheilen, der verwundert, dem Nachrichter dankend die Hand reichte, und beifügte, daß er ihm hiedurch einen wesentlichen Dienst geleistet und insbesondere Beruhigung verschafft habe.

Nachdem sich die Staaten, theilnehmender als je, zur Realisirung ihrer politischen Absichten, des Krieges, als des letzten, gewaltsamsten Mittels, bedienen, und diese colossalen Menschenschlächtereien, die ihrer Natur nach so alt wie die Welt sind, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln ausgeführt werden, dürfte an eine allgemeine Aufhebung der Todesstrafe vorerst nicht zu denken sein, um so mehr, als auch die Völkerkämpfe, welche über ganze Nationen das Todesschicksal verhängen, von vielen nur als eine Ruthe, in der Hand der Vorsehung, angesehen werden. So lange Nationen, für die blutigsten Kriege schwärmen, so lange sich friedliebende Menschen, die sich niemals beleidigt haben, gegenseitig abschlachten, und diejenigen unverweilt der Strafe des Todes verfallen, welche sich weigern, am Abschlachten ihrer Mitmenschen Theil zu nehmen, mag der Scharfrichter sorgenlos unter den Seinigen leben, die Stunde seiner Quiescirung schlägt so bald noch nicht.

Längst haben die Städte London, Paris, Wien u. a. Biographien und Geschichten ihrer Scharfrichter, warum sollte München, dessen Gemeinde-Schiff mit aller Macht dem Fahrwasser einer Großstadt zusteuert, nicht auch hiezu berufen sein? Fanden doch im Anfange der Wirksamkeit der Schwurgerichtshöfe im kleinen Bayern mehr Hinrichtungen in wenigen Jahren statt, als in derselben Zeit im übrigen Deutschland, und bitter beklagte sich weil. König Max II. über die Anzahl von Urtheilsbestätigungen, die man ihm unterbreitete. Dieser König verbannte auch das Richtschwert, und indem sich manche Staaten noch stündlich zur Hinrichtung ihrer Verbrecher des unsichern Schwerts und des schmählichen Galgens bedienen, erfreut sich Bayern wenigstens einer sicheren Maschine, welche der Humanität mehr Rechnung trägt, als der Galgen im freien Albion.

(Forts. folgt.)

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Der Scharfrichter von München (4)

(Fortsetzung.)

Vordem wurden derlei Hinrichtungen mit einer grausamen Langsamkeit vollzogen. Sie begann mit ihren Formalitäten am frühen Morgen und endete meist erst gegen 11 Uhr des Vormittags. Im Schneckenzuge und mühevoll mußte sich der Armesünderwagen durch die mit Menschenmassen angefüllten Straßen und endlich durch eine aus 30–40,000 Schaulustigen bestehende Volksmenge arbeiten, bis er in’s weite Militärcarré gelangte. Im Stübchen des Schaffots fand die langweilige Toilette statt, dann schleppte man schließlich den Verbrecher die endlose Hühnertreppe hinauf, welche, um jede Steilheit zu vermeiden, eine Länge von mindestens 40 Fuß hatte. Diesen langen Weg mußte der Delinquent mit verbundenen Augen geführt werden, seine Hände hatte er unter der Brust gebunden und hinten an der Gürtelschnur befestigt; sofort auf den Stuhl gesetzt, ergriff der Spitzwürfel dessen Schopf, während ein zweiter Gehilfe eine Kette hinten im Gürtel des Verurtheilten einhakte, welche durch ein Loch im Podium des Schaffots ging, und an deren Ende ein schweres Gewicht angebracht war – hiedurch wurde der zu Richtende auf dem Stuhle festgehalten. Fast mit beiden Vorrichtungen zugleich schlug der Nachrichter das Haupt ab.

Diese Vorbereitungen am Stuhle waren eher als die des Fallschwerts beendet, allein jene Sicherheit, wie sie das Fallschwert darbietet, gewährte die Handhabung des Richtschwerts nie. Sie war immer dem Wechsel und Zufall unterworfen. Ferner köpfte jeder Scharfrichter auf andere Art. Hermann durchhieb den Wirbel und zog pfeilschnell das Schwert durch. Streich und Schnitt in einem Moment. Leimer hieb meist vollständig durch; Scheller führte seine Hiebe so gewuchtig, daß er sich dabei in halber Wendung drehte. Das damals gebrauchte Richtschwert ist über eine Elle lang, drei Zoll breit, zweischneidig und mit langem für zwei Hände berechneten Griff versehen. Nach Aussage der Scharfrichter hingen die gelungensten Streiche nicht allein von der Geschicklichkeit, sondern auch vom Zufall und Glück ab. Deßhalb baten die meisten Verurtheilten den Nachrichter bei seinen Besuchen um schonende Behandlung. So bat die bekannte Birnbaum den Scharfrichter Hermann: »Ach quälen Sie mich nicht lange, treffen Sie mich gut!« »Glauben Sie doch sicher genug zu sein?« Worauf dieser entgegnete: »Ich glaub’s und bin’s, verlassen Sie sich getrost darauf.« Die jetzige Hinrichtungsart ist für die anwesenden Zeugen weniger grauenhaft, als dies die öffentliche mit dem Schwerte in so hohem Grade war, und wurde Letztere durch den Umstand noch erhöht, daß während der langen, oft dreiviertelstündigen Rede der Geistlichen über das eben gesühnte Verbrechen der bluttriefende Rumpf, mit dem blassen Haupte zu Füßen, im Stuhle sitzend verblieb, sowie die hoch aufspritzende Blutfontaine nach dem Schwertstreich einen gräßlichen, unvergeßlichen Anblick gewährte.

Unter den vielen, zur Thodesstrafe Verurtheilten, welche Scheller seit seiner Amtirung enthauptete (es sind deren 17 mittelst Richtschwert, und 43 die durch das Fallschwert vom Leben zum Tode gebracht wurden) fand ein einziger Fall statt, in welchem die Hinrichtung ohne Beanspruchung der üblichen dreitägigen Gnadenfrist in den nächsten 24 Stunden verlangt und gewährt wurde. Solche Willensstärke und Todesverachtung legte die im Jahre 1853 wegen Gattenmords zu Bayreuth zur Todesstrafe mittelst des Schwertes, und dortselbst enthauptet wordene Anna Maria Hager von Neugattendorf, 44 Jahre alt, protestantischer Confession, eine hübsche, resolute Frau von angenehmem Aeußern, an den Tag. Diese seltsame Standhaftigkeit und Resignation schreibt Scheller lediglich den Einflüssen der ihr zur Tröstung beigegebenen Geistlichen zu. Wir wollen einiger Momente der letzten Stunden ihres Lebens hier Erwähnung thun. Je näher die Stunde der Hinrichtung herannahte, desto mehr soll Anna Maria unter Thränen die Nichtannahme der gesetzlich gestatteten dreitägigen Gnadenfrist bereut haben.

(Fortsetzung folgt)

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Der Scharfrichter von München (5)

(Fortsetzung.)

Die beiden Pastoren, sagt Scheller, hatten vollauf zu thun, die in den letzten Stunden der Verzweiflung nahe gekommene Verbrecherin einigermaßen zu trösten. Ein heftiger Lebensdrang bemächtigte sich der, dem bevorstehenden gewaltsamen Tode entgegenathmenden Delinquentin, sie konnte den Gedanken an’s Sterben nimmer fassen und umklammerte in solchen Anfällen jeden Gegenstand, den sie erreichen konnte. Dabei erging sich die Hager in den kläglichen Ausrufen und Jammergeschrei: »Mit gesundem Leib sterben zu sollen ist zu hart.« »Herr des Lebens wie wird’s mir drüben ergehen, darf ich keine Begnadigung vom König oder von der Königin hoffen? Sie sind so gut und menschlich.« Wenn sie meine Todesangst kennten, auf dem Blutgerüste zu sterben ist schrecklich u. s. w. Ihren bloßen Hals befühlte sie des Tages und in der Nacht vor ihrem Tode wohl hundert mal, auch in Gegenwart des Nachrichters und seines Gehilfen und fragte diesen: »Da wird er also durchgeschnitten, Herr Scharfrichter?« »Machen Sie es nur recht, lieber Herr!« Ein Andermal hatte sie den Eisenmeister gefragt: Ob er glaube, daß der Herr mit dem blonden Lockenkopf und dem rothen Gesicht (Scheller) sie gut richten und nicht schinden werde, und ob es wahr sei, daß der Scharfrichter Blut trinken müsse.« Blut trinkt der Scharfrichter nicht, aber zuweilen ein paar Schoppen guten Rothwein, und was das Köpfen betrifft, so kümmere dich nicht um das; dich Anna, köpft der Lorenz auf den ersten Hieb, du bist ja nicht sein Probirstückl,« tröstete der Eisenmeister mit Lachen, »einen so geschmeidigen runden Frauenhals wie den deinigen haut er wie ein Butterweckel durch.«

Auf der Fahrt zum Schaffot verhielt sie sich ziemlich ruhig. Sie blickte mit großen weitgeöffneten Augen, aus denen die Angst vor der nahen Katastrophe blickte, auf die sie meist gefühllos begaffenden Menschengruppen. Ach dürfte ich doch unter Diesen stehen, seufzte sie, dann senkte sie das Haupt und Thräne auf Thräne benetzte einen schönen Blumenstrauß, den sie in ihren Händen hielt. Durch die Tröstungen der Pastoren etwas gefaßter, äußert sie: »Mein Gott auf dieser Welt ist alles nur Schein!« Vom Wagen mußte sie gehoben werden. Ihre erste Frage war nach dem Scharfrichter.

(Fortsetzung folgt.)

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Der Scharfrichter von München (6)

(Fortsetzung).

Bevor sie in die Kammer unterm Schaffot trat, wiederholte sie ihre Frage nach dem Scharfrichter noch einmal, indem sie sich sehr dringend an den sie führenden Gerichtsdiener wandte: »Sagen Sie mir, wo ist Herr Scheller?« »Dort, wo wir hinein gehen,« ward ihr zur Antwort. Mit scheuem Blicke maß sie die unübersehbare Menschenmenge, welche die Reize des blutigen Schauspiels herbeigelockt hatte, und äußerte gegen den Pastor: »Sehen Sie doch die Tausende, Alle warten auf meinen Tod.« »Nicht alle, Anna Maria!« Jesus! dort oben, fuhr sie fort, nach dem Richterstuhle zeigend, helfe mir der allbarmherzige Gott,« mit diesem Ausruf sank sie in die Arme des Spitzwürfels, der sie mit dem Gerichtsdiener in die Kammer schleppte. Unter den trostreichen Worten: »Selig sind die, die in dem Herrn vollenden,« wurde sie auf den verhängnißvollen Lehnstuhl gesetzt, während der Spitzwürfel nach dem reichen aufwärts gebundenen Haarbüschel griff, holte der Nachrichter mit dem blitzenden Schwerte weit aus: – »Jesus Christus, mein Gewinn!« – ein gräßlicher Streich, und ein blasses, blutendes Frauenhaupt ruht in der Rechten des Gehilfen, der es der stummharrenden Menge nach allen Seiten hin zeigte. Hiebei warf der Rumpf seine Blutstrahlen so heftig aus, daß Nachrichter und Spitzwürfel davon befleckt, eilig zurücksprangen.

In einem ähnlichen, gräßlichen Seelenzustand mag sich auch Melchior Tilger aus Augsburg befunden haben, welcher zu Bayreuth, wegen Mordes enthauptet wurde. Auf dem Armensünder-Karren zur Richtstätte geführt, schrie er fortwährend mit den fürchterlichsten Gestikulationen unter einer Fluth von Zähren, um Gnade und Hilfe: »Ich will nicht sterben, ich kann noch nicht sterben, bin ja kerngesund, was habt ihr an meinem armen Leben, das ihr mir nehmen wollt?« »Erbarmen! um aller Heiligen Willen Erbarmen!« So schallte es fort und fort vom Wagen herab. Die Seelsorger wußten sich mit ihrem Trostanbefohlenen selbst nicht mehr zu rathen und zu helfen. Kurz vor der Hinrichtung, bis zu welcher es sehr tumultuarisch, sowohl von Seiten des Delinquenten als des der Hinrichtung gierig harrenden Publikums herging, wirkten einige Worte aus dem Munde des Nachrichters an den Verzweifelnden gerichtet, mit denen er ihm begreiflich zu machen suchte, daß bei fortgesetzter Unruhe eventuell er sich selbst eine verunglückte Execution zuzuschreiben habe so mächtig auf denselben ein, daß sich Tilger zur Beruhigung und Verwunderung Aller, schweigend und geduldig wie ein Lamm, auf’s Blutgerüst schleppen und enthaupten ließ.

Auch einige humoristische Scenen aus den letzten Stunden so mancher zum Tode Verurtheilten, glauben wir unseren Lesern der Münchener Scharfrichter-Chronik nicht vorenthalten zu dürfen.

Der berüchtigte Mörder Joseph Busch, welcher im September 1853 über Schellers Richtschwertklinge springen mußte, benützte die erbetene dreitägige Gnadenfrist ausschließlich zur Erreichung des Vollgenusses aller seiner Lieblingsspeisen, besonders solcher die ihm bisher seltener unter die Zähne kamen, ingleichen alle Lieblingsgetränke, wie sie auch Namen haben mochten. Seine Henkersfrist konnte man deshalb auch vom frühen Morgen des ersten bis zum späten Abend des dritten Tages als ein ununterbrochenes Banket betrachten, eine Schmauserei comme il faut. Auf seiner Tafel fehlte kein Leckerbissen, sowohl trocken als naß und freigiebig und generös wie Joseph gewohntermaßen war, lud er zuweilen Gendarmen und Gerichtsdiener als Gäste zu sich.

(Schluß folgt.)

Kriminalität

Der Scharfrichter von München (7)

(Schluß.)

Begabt mit dem gesündesten Appetit von der Welt, der durch die Gedankenqualen eines bevorstehenden Lebensendes und die gewaltsame grasse Weise desselben nicht im Mindesten gestört wurde, verspeiste er alle Gattungen von Braten, Geflügel, Fische, feine Gemüse, gute Saucen u. s. w., ganz nach Art eines gewiegten Gourmands, dazu trank er Bier oder Wein, Morgens, Nachmittags und Abends Caffee, Chocolade und Thee, wozu er feine Cigarren rauchte und die Zwischenzeit mit der Einnahme von Schinken, kaltem Braten, Lionerwurst und andern Delikatessen ausfüllte. Die Auflage eines jeden Gerichtes wurde erneuert, der Joseph fraß sich, wie der Eisenmeister treffend bemerkte, buchstäblich in’s Jenseits hinüber. Kaum noch eine Stunde vor der Hinrichtung genoß er Kaffee und Wein mit dem exquisiten Appetit eines gesunden Feinschmeckers, und Scheller behauptete, noch nie einen gleichgiltigeren und abgestumpftern Delinquenten unters Schwert bekommen zu haben, als Joseph Busch gewesen war. Sogar die Taschen seiner Kleider waren mit Ueberresten von Backwerken und sonstigen Naschwaaren angefüllt; Essen und Trinken war in diesen drei furchtbaren Tagen seine Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung gewesen, die er spät Nachts sogar auf seinem Ruhelager fortsetzte. Bis zum letzten Momente ließ er weder Lustigkeit noch Traurigkeit verspüren, seine Lethargie nahm er mit auf den Köpfstuhl. Auf den Armensünder-Wagen gebracht, erschlaffte er successive geistig und körperlich und glich endlich auf’s Schaffot geschleppt mehr einem betrunkenen als von Todesängsten niedergeschmetterten Verbrecher.

Ein anderer Mordgeselle, Namens Engelsberger, welcher am 29. August 1858 zu Augsburg auf dem Schaffote unterm Fallschwert endete, wurde von mitleidigen Seelen u. A. während seiner 3tägigen Gnadenfrist mit verschiedenen Speisen, die er sich wohl schmecken ließ, darunter ein großer wohlgeratener Käskuchen, seine Lieblings-Delikatesse, bedacht.

Während Engelsberger diesen tranchirte, rannen ihm die hellen Zähren über die Wangen, und der anwesende Gendarm wunderte sich, wie der Verurtheilte bei solcher Gemüthsstimmung überhaupt animirt sein könne, so tapfer einzuhauen, wie es den Anschein hatte.

Er glaubte ihn daher trösten zu sollen, umsomehr, als Engelsberger, sowohl während der Untersuchungshaft, als in den drei letzten Tagen seinem Namen durchaus keine Unehre machte, und befragte ihn somit, warum er so fürchterlich weine, er möchte sich sein Schicksal nicht gar so sehr zu Herzen nehmen, da er doch nichts mehr ändern könne, er solle sein Verbrechen nur aufrichtig bereuen und die Todesstrafe geduldig erleiden, so werde ihn unser Herrgott auch nicht im Stiche lassen.

Endlich hielt derselbe mit der Vernichtung des Kuchens unter seinen Zähren inne, blickte den Gendarm verwundert an, wischte sich die Thränen aus den Augen und ergänzte: »Na, na döswegen woan i net, sondern aus purer Freud, weil mir die Leut so an guaten Kaskuch’n g’schickt ha’m, der alleweil mein Leibspeis g’west is,« – dann setzte er seine Mahlzeit fort, bis alles gar war.

Diese Momente mögen hinreichen, um zu beweisen, zu welcher Qualität Menschen man zählen muß, um fähig zu sein, ein »Nachrichter« zu werden.

Kirche, Kriminalität

Die Excommunikation vor Gericht

»Wenn Liebe gegen Tugend ficht,
Wird Liebe immer siegen.«
Detailansicht der Illustration aus: Allotria Kneipzeitung Nr. 15 vom 4. Dezember 1875.

Süddeutscher Telegraph (12.1.1875)

Bayerische und Lokal-Chronik.

München, 11. Januar.

Wappen der Gemeinde Pastetten
Wappen der Gemeinde Pastetten im Landkreis Erding. Entwurf von Carlo Borst. Die Regierung von Oberbayern genehmigte mit Beschluss vom 17. Oktober 1983 die Führung des Wappens durch die Gemeinde.

(Die Excommunikation vor Gericht.) Nachstehend bringen wir nach dem Referate der Corr. Hoffm. eine principiell sehr wichtige Verhandlung gegen den kathol. Pfarrer Rahm von Pastetten wegen Beleidigung.
Erding, den 8. Januar. Vor dem k. Landgerichte Erding wurde heute Morgens unter großem Andrange des Publikums Verhandlung gegen den 49jährigen katholischen Pfarrer Rahm von Pastetten, Bezirksamt Erding, wegen Beleidigung auf Grund des Art. 185 des R.-St.-G.-B. eröffnet. Der Thatbestand stellte sich nach der Anklageschrift folgendermaßen dar. Am Samstag vor Allerheiligen vorigen Jahres ließ Pfarrer Rahm den Bürgermeister Balth. Huber und den Expositus Michael Huber von Pastetten zu sich in den Pfarrhof rufen, wohin er bereits die ledige 28jährige Wirthstochter Katharina Wegmaier von Pastetten bestellt hatte. In Anwesenheit der beiden vorgenannten Zeugen eröffnete nun der Pfarrer der Katharina Wegmaier, daß sie, weil sie am 20. September 1874 zum fünftenmale unehelich geboren habe, aus der katholischen Kirche bis auf Weiteres ausgeschlossen sei, und diese Ausschließung der ganzen Pfarrgemeinde bekannt gegeben werden solle. In der That führte Pfarrer Rahm am Allerheiligentage diese Drohung aus, indem er vor Beginn der Predigt von der Kanzel herab ein Dekret des erzbischöflichen Ordinariates München-Freising vor versammelter Gemeinde verlas, darauf die Katharina Wegmaier unter oft wiederholter ausdrücklicher Nennung ihres Namens den zur Andacht versammelten Gläubigen als »Ausbund von Schlechtigkeit« und »öffentliche Sünderin« bezeichnete, als Grund ihrer Ausschließung aus der katholischen Kirche ihren fortgesetzten unsittlichen Lebenswandel angab und hinzufügte, daß sie nun verdammt sei und ebenso jeder verdammt werde, der mit ihr innerhalb neun Monate fleischlichen Umgang pflege, daß sie, wenn sie innerhalb dieser Zeit stürbe, nicht im Friedhofe, sondern auf offenem Felde begraben werde und Jedermann das Recht habe, sie aus der Kirche hinauszujagen, wenn sie sich darin sehen lasse. In Folge dieses Vorgehens des Pfarrers Rahm stellte Katharina Wegmaier für sich und deren Vater im Namen der schwerbetroffenen Familie Klage wegen Beleidigung gegen den Pfarrer Rahm. Dieser erschien heute persönlich mit dem k. Advokaten Popp von München als Vertheidiger vor Gericht und erklärte auf den Vorhalt der Klage wörtlich: »Wir haben Generalien (Verordnungen), in welchen bestimmt ist, daß wir bei vorkommenden unehelichen Geburten die gefallenen Mädchen vorrufen und zur Besserung ihres Lebenswandels ermahnen müssen. So habe ich es auch bei der Katharina Wegmaier gehalten und ihr beim dritten Geburtsfalle gedroht, sie bei der oberhirtlichen Stelle anzuzeigen, wenn sie nochmals ein uneheliches Kind daherbringe. Als sie zum 4. Male kam, habe ich dem Ordinariate Anzeige gemacht und darauf die Anweisung erhalten, ich solle der Katharina Wegmaier vor zwei Zeugen mittheilen, wie sehr das Herz des hochwürdigsten Oberhirten über ihren Lebenswandel betrübt sei, sie solle sich bessern oder werde vom Empfange der heiligen Sakramente ausgeschlossen, wenn sie nochmals ein Kind unehelich gebäre. Nun, sie kam mit einem fünften Kind daher und ich zeigte die Sache der oberhirtlichen Stelle an. Dann erhielt ich ein Dekret des Ordinariats, ich solle die Katharina Wegmaier vorrufen, ihr vor 2 Zeugen die Ausschließung aus der Kirche protokollarisch publiziren und die angedrohte Kirchenstrafe jetzt in Vollzug setzen. Ich hatte aber einige Zweifel über die Art der Publikation und schrieb hierauf nach München, wie ich die Sache anfangen solle, und da kam die Antwort, ich solle die Ausschließung der Kath. Wegmaier erst im Pfarrhofe vor 2 Zeugen, sodann am nächstfolgenden Feiertage vor der Predigt der versammelten Gemeinde publiziren und die Ursachen und Folgen der Excommunikation auseinandersetzen. Ich fragte nachher abermals an, wie lange denn die Excommunikatin eigentlich dauere? und da kam die Antwort, daß sie nach Natur der Sache so lange dauere, bis Beweise der Besserung gegeben seien, jedenfalls solle, um die Besserung zu erleichtern, nicht vor 9 Monaten eine Lossprechung erfolgen. Darnach habe ich gehandelt.« Auf den Gegenhalt des kgl. Landrichters Kandler, warum er die Katharina Wegmaier als »einen Ausbund allen Lasters« und als »öffentliche Sünderin« gebrandmarkt, sie für verdammt erklärt und vor dem Umgange mit ihr gewarnt habe u. s. w., behauptet Pfarrer Rahm, alle diese Aeußerungen nicht gemacht zu haben; es wäre ja ein Unsinn, einen Lebenden zu verdammen. Der Vorsitzende gibt hierauf 2 Dekrete des erzbischöflichen Ordinariats München vom 3. Septbr. 1873 und vom 27. Oktbr. 1874 bekannt, worin die vorerwähnten Maßregeln gegen die Kath. Wegmaier dem Pfarrer Rahm bis ins Detail anbefohlen und als »das äußerste Heilmittel der mütterlich strafenden Kirche« bezeichnet werden, »um das Seelenheil der unbußfertigen Sünderin und die christliche Ehre der Pfarrgemeine zu retten.« Gezeichnet sind diese Dekrete vom Generalvikar Dr. Rampf.
Als Zeugen treten im Ganzen 30 Personen auf, 11 sind vom Kläger, 19 von dem Beklagten vorgeführt, und beide Parteien widersprechen sich mit aller Festigkeit. Die Wirthsfrau Marie Neumaier und deren Mann Georg Neumaier bekunden, daß der Pfarrer in seiner »Predigt« gesagt habe, die Kath. Wegmaier sei verloren, und wer mit ihr umgehe, sei auch verloren, sie werde nicht im Friedhofe begraben, »wer mit ihr umgehe, sei gerade so schlecht, wie sie selbst.« Rasierer Math. Weber hat die Worte gehört: »wenn sie nicht gut thut, so wird sie auf immer und ewig verdammt, und stirbt sie, so wird sie nicht im Freithof begraben, geläutet wird ihr auch nicht. Wer etwas mit ihr macht, wird auch verdammt.« Dem Austrägler Paul Brechschmidt ist »es ganz schauerli vorkumma«, so daß er gar nichts mehr hören wollte und aus der Kirche ging, der Bauer Martin Sautreiber und der Knecht Jakob Rappolt geben an, daß der Pfarrer den Ausdruck »öffentliche Sünderin« und »Ausbund alles Lasters« in Bezug auf Kath. Wegmaier gebraucht habe. Einige Zeugen leiden an auffallender Gedächtnißschwäche, daher sie der k. Landrichter fragte, ob sie geschlafen oder auf die Weibsleute geschaut haben, während der Pfarrer die Wegmaier excummunicirte. Von den Entlastungszeugen, darunter ein 12jähriger Bube, behaupten einige mit aller Bestimmtheit: »Nein, das hat der Herr Pfarrer nicht gesagt, das ist nicht wahr, das ist nicht gesagt worden, das gibts nicht bei unserem Herrn Pfarrer.« Einige ließen sich indeß auf wiederholte Fragen herbei, zuzugeben, daß der Herr Pfarrer so oder anders gesprochen haben könnte, sie jedoch die Worte entweder überhört oder vergessen hätten.
Zur Begründung der Klage ergreift sodann der Rechtskonzipient Herr Dr. Fuchs aus München das Wort und bezeichnet den vorwürfigen Fall als einen solchen von großem Interesse und weittragenden Folgen. Er kommt nach längeren juristischen Ausführungen zu dem Schlusse:
»Die Verurtheilung des Bischofs v. Haneberg von Speyer sei ein Präzedens für diesen Fall; die Erkenntnißgründe dieser Verurtheilung seien fast ganz auf diesen Fall anzuwenden. Im diesseitigen Bayern liege nunmehr der erste Fall dieser Art vor, und man wolle ja einen Präzedenzfall schaffen, um zu sehen, wie weit man die geistliche Strafgewalt treiben könne. Da gelte für den Staat der Grundsatz: principiis obsta, weshalb eine Verurtheilung des Pfarrers Rahm wegen seines excessiven Vergehens gerechtfertigt sei.
Der Verteidiger des Beklagten, Anwalt Dr. Popp, sieht die Absicht einen Scandal zu machen, auf der »Gegenseite.« Nach kanonischem Rechte habe Pfarrer Rahm vollständig korrekt gehandelt, weshalb er freigesprochen werden wolle. Bei der sodann folgenden Replik wies der klägerische Anwalt Dr. Fuchs das Heranziehen des kanonischen Rechts in den Bereich des deutschen Reichsstrafgesetzbuches energisch zurück. Vertheidiger Popp erwiderte: Der ganze Fall sei nach Art. 193 des Reichsstrafgesetzes zu behandeln, da eine vorgesetzte geistliche Behörde eine berechtigte Zensur geübt habe und es gleich sei, ob sich der Censirte dadurch beleidigt fühle oder nicht. Der Staatsanwaltssubstitut verzichtete auf das Wort, und der k. Landrichter sprach Abends 4 Uhr den Pfarrer Rahm auf Grund des Art. 185 des R.-St.-G.-B. eines Vergehens der Beleidigung schuldig, indem er hervorhob, daß derselbe bei dem Verhältnisse des geistlichen Vorgesetzten gegenüber einer Untergebenen zwar vollkommen berechtigt gewesen sei, kirchliche Censur zu üben, aber mit den beigefügten Ausdrücken weit über den Zweck der Censur hinausgegangen sei, indem er, statt lediglich eine Besserung der Censirten anzustreben, dieselbe öffentlich als ehrlose Person hingestellt und vor dem Umgange mit ihr gewarnt habe. Demgemäß schuldig, wurde er zu 10 Thaler Strafe, Tragung der Kosten und Publikation des Urtheils an den Gemeindetafeln des Pfarrbezirkes verurtheilt. Pfarrer Rahm legte sofort gegen dieses Urtheil Berufung ein, und der Prozeß wird nun voraussichtlich den Weg durch alle gegebenen Instanzen antreten.
Süddeutscher Telegraph Nr. 8. Dienstag, 12. Januar 1875.

Kitzinger Anzeiger (15.2.1875)

Das k. Bezirksgericht Freising hat die Berufung des k. Pfarrers Rahm von Pastetten, welche derselbe gegen das ihn wegen Beleidigung der Wirthstochter Kath. Wegmaier in 10 Thaler verfällende erstinstanzielle Urtheil ergriffen hatte, verworfen und den Beschwerdeführer auch in die Kosten der zweiten Instanz verurtheilt.
Kitzinger Anzeiger Nr. 39. Montag, 15. Februar 1875.


Grundsätze brachtest du zu mir,
Wo sind sie nun geblieben?
Ich sagte offenherzig dir:
»Mein Grundsatz ist: zu lieben!«
Wenn Liebe gegen Tugend ficht,
Wird Liebe immer siegen,
Drum troeste dich und weine nicht,
Du mußtest unterliegen.
Gesamtansicht der Illustration aus: Allotria Kneipzeitung Nr. 15 vom 4. Dezember 1875.
Kriminalität

Ein hübsches, aber böses Mädchen

Angeklagt: Josepha Müller, 19 Jahre alt, led. Hutmacherstochter und Handschuhnäherin von der Vorstadt Au, wegen Diebstahls und Unterschlagung. Die schon 6mal wegen Diebstahls abgestrafte Angeklagte entwendete am 9. März h. Jrs. Morgens im Gasthause zum Oberottl dahier, wo sie mit der Köchin Maria Schönegger aus Passau in ein und demselben Zimmer schlief, letzterer ein Portemonaie mit einer Hundertguldennote und 12 Silbergulden Inhalt. Außerdem ist die Müllerin geständig, verschiedene ihr zum Einsticken anvertraute Wäsche verkauft und den Erlös für sich verbraucht zu haben. Urtheil: 2 Jahre Zuchthaus. Das Interessante bei dieser Sache ist, daß die Damnifikatin Maria Schönegger, welche heute als Zeugin erschienen ist, jüngst selbst wegen Diebstahls zu 3 Jahren Gefängniß verurtheilt worden ist.

Freisinger Tagblatt Nr. 153. Samstag, den 6. Juli 1872.