Vermischtes

…und wir fühlen uns von einem solchen abgestoßen und angewidert.

Ein emancipirtes Frauenzimmer

ist uns immer noch etwas unheimliches gewesen und wir fühlen uns von einem solchen abgestoßen und angewidert. Daran ändert bei uns auch nichts, wenn so ein Frauenzimmer ein Fräulein Doktor geworden ist und ihre Weisheit Hausiren trägt. Daß ein Frauenzimmer Doktor werden kann, beweist höchstens, daß das Doktor-Diplom zu erreichen, nicht gar so schwierig sein muß und daß ein seichtes Wissen genügt um zum Doktorhut zu gelangen. Zur Zeit entflammt sich bei allen Flachköpfen eine hohe Begeisterung für so einen weiblichen Doktor, der Wandervorträge veranstaltet, anstatt im Stopfen von Strümpfen sich erheblich nützlicher zu machen. Anita Augspurg heißt der Blaustrumpf, der die dummen Weiber noch mehr verrückt macht, als sie es von zu Hause aus schon sind und dadurch geradezu gemeingefährlich wird. Wir versagen es uns auf das Thema des Frl. Doktor jur., welches sie im »Verein für geistige Interessen der Frau« behandelte, zurückzukommen. Wenn es euch darum zu thun ist, die Welt in ein einziges großes Narrenhaus zu verwandeln, dann ihr verweiberten Kreaturen von Männern empancipirt ihr nur die Weiber. Ihr könnt dann die Gänse allmählig auch der Emancipation theilhaftig werden lassen, wenn sie euch im Uebermaße ihrer Dummheit einmal zu beißen anfangen.

Münchener Ratsch-Kathl No. 13. Samstag, den 12. Februar 1898.

Anmerkung:
Anita Augspurg (* 22. September 1857 in Verden an der Aller † 20. Dezember 1943 in Zürich) war die erste promovierte Juristin des Deutschen Kaiserreichs. Sie gehörte als Schauspielerin mehrere Jahre zum Ensemble des Meininger Hoftheaters, absolvierte eine Ausbildung zur Photographin und eröffnete 1887 zusammen mit Sophie Goudstikker in München das Fotostudio »Hofatelier Elvira«. Da Frauen im Deutschen Reich der Zugang zur Universität versagt war, absolvierte sie ihr Jurastudium in Zürich.
Das Photo zeigt von links nach rechts: Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker. Fotografie des Atelier Elvira, München um 1896.

Vermischtes

…weinten ganz untröstlich

In der Amalienstraße hat am 2. Januar ein Leichenbegräbnis ohne Geistlichen stattgefunden. Es wurde nämlich der Liebling einer alten Dame, ein alter Pinscher, im Garten unter die Erde gebracht. Eigentümerin und Kammerzofe weinten ganz untröstlich. A Hunderl ist oft besser wie ein Menschenleben.

Münchener Ratsch-Kathl. Samstag, den 25. Januar 1896.

Dezember, Sektion 5

05-01-19: Michael Neher (eBook)

Franz Hanfstaengl: Michael Neher. Porträtsammlung des Münchner Stadtmuseums.

Michael Neher

31.3.1798 (München) – 4.12.1876 (München)
Architekturmaler und Genremaler

  • Artistisches München im Jahre 1835 (1836)

  • Die bildende Kunst in München (1842)

  • Universal-Handbuch von München (1845)

  • Münchener Künstlerbilder (1871)

  • Allgemeine Deutsche Biographie (1886)

  • Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Münchener Künstlerbilder (1871)

Michael Neher,
Architekturmaler.

Der bekannte Architekturmaler Michael Neher, zu München am 31. März 1798 geboren, gehört einer Familie an, in der die Kunst heimisch war. Schon sein Großvater war Maler gewesen und auch sein Vater, der von Bibrach nach München übergesiedelt war, hatte als bürgerlicher Maler daselbst seinen eigenen Heerd gegründet, nachdem er in jenen kriegbewegten Zeiten als Künstler sein Fortkommen nicht hatte finden können. Der Sohn sollte dereinst des Vaters Geschäft übernehmen, so wollte es der gute alte Brauch, und deshalb wanderte denn unser kleiner Michael zu Mitterer, einem alten Bekannten des Vaters, in die Zeichnenstunde. Aber sein Eifer hätte größer sein können und so waren die Fortschritte nicht die glänzendsten. Vierzehn Jahre alt ging er dann auf die Akademie, der Joh. Langer als Director vorstand. Doch auch da ließ er Manches zu wünschen übrig, und als er im dritten Jahre darauf die Akademie wieder verließ, um bei dem Hofmaler Mathias Klotz weiter zu lernen, war das gegenseitige Bedauern eben nicht gar zu lebhaft. Zwei Jahre später gab es an Decorationsmalereien für das neue Hof- und Nationaltheater alle Hände voll zu thun, und Angelo Quaglio, der damit betraut war, beschäftigte Neher im decorativen und architektonischen Fache, wobei der junge Mann seinen Unterricht bei Klotz fortsetzte und Porträts malte. Bald darauf zerstörte ein großer Brand das Haus sammt allen Decorationen und Neher zog nun, 19 Jahre alt, mit leichtem Gepäck über den Brenner, um in Welschland sein Glück als Porträtmaler zu suchen. Drei Jahre lang saß er in Trient, Mailand und Triest. Aus dem faulen Jungen war ein strebsamer, junger Mann geworden, dessen Arbeiten geschätzt und gesucht wurden. Was war das für ein Jubel, als der Vater schrieb, er wolle die Kosten eines Aufenthalts in Rom und Neapel bestreiten. In Rom lebte damals der treffliche Heinrich Heß; an ihn ward Neher gewiesen, und jener nahm sich seiner wacker an. Freilich war Heß mit den Leistungen Neher’s nicht immer zufrieden und sagte ihm dies auch in seiner kurzen, kräftigen Weise. Als Porträtmaler hatte Neher auch nicht gar zu viel im ewigen Rom zu suchen, und Heß führte ihn deshalb zum Genre. Neher konnte der Versuchung, auch Neapel zu sehen, um so weniger widerstehen, als er an Personen empfohlen war, die dem dortigen Hofe nahe standen, doch war sein Aufenthalt nur von kurzer Dauer, und so saß er denn bald wieder in seinem Studium zu Rom vor Genrebildern. Da meinte eines Tages Heß, das Mauerwerk, das Neher da male, tauge unendlich mehr, als die Figuren davor, und es wäre wohl am besten, wenn diese jenem untergeordnet würden. Sein scharfer Blick hatte Neher’s Begabung erkannt, nicht so aber konnte sich dieser davon überzeugen, daß er dem Genre zu entsagen habe. Er glaubte genug zu thun, wenn er die Verhältnisse seiner Figuren mehr und mehr verkleinerte und dafür der architektonischen Umgebung eine größere Bedeutung einräumte.

Nach einem dreijährigen Aufenthalte in Rom kehrte er dann wieder nach München zurück und erhielt die eben erledigte Stelle eines Conservators des dortigen Kunstvereins, die er Jahre lang unentgeltlich bekleidete. Das war aber keineswegs eine Sinecure. So mußte beispielsweise jede Woche dem Könige eine Uebersicht der ausgestellten Kunstwerke überreicht und diese wegen Zuganges neuer oft mehrmals in der Woche abgeändert werden. Es handelte sich nicht um einfache Verzeichnisse, sondern förmliche Risse der Wände mit den Bildern und deren Bezeichnung, Alles sauber gezeichnet und geschrieben.

Daneben malte Neher immer noch Genre, aber seine Figuren waren inzwischen kleiner und kleiner geworden, so daß es schließlich nur eines letzten, gleichfalls von Heß gegebenen Anstoßes bedurfte, um die Architektur zur Hauptsache zu machen.

Um die Zeit, 1832, ließ der Kronprinz Maximilian von Bayern die in Trümmern liegende Burg Hohenschwangau an der Grenze der bayerischen und schwäbischen Berge wieder aufbauen, und bald trieb ein Völkchen von Künstlern aus aller Herren Länder sein Wesen auf dem sonst so stillen Burgfelsen. Auch Neher war unter denselben. Zunächst freilich nur im decorativen Elemente beschäftigt, aber wie überall anstellig, sorgsam und seinen Platz mit Ehren ausfüllend. Das zog denn auch bald die Aufmerksamkeit des hohen Burgherrn auf ihn: er ward beauftragt, große Wandgemälde nach v. Schwind’s, Gasser’s und Schwanthaler’s Entwürfen auszuführen, was um so verdienstlicher war, als manche derselben in ziemlich kleinen Verhältnissen gehalten waren.

Im Frühlinge des Jahres 1837 hatte Neher seine Arbeiten in Hohenschwangau beendet und kehrte wieder nach München zurück.

Nun erst wendete er sich mit voller Entschiedenheit der Architekturmalerei zu und bald hatte sein Name weit über München hinaus, im In- wie Auslande, einen guten Klang. Auf einer im Jahre 1855 rheinabwärts und nach Belgien unternommenen Reise, von welcher er durch Norddeutschland über Berlin und Dresden nach Hause zurückkehrte, sammelte er sich einen reichen Schatz von Studien und Motiven, welche er seither in vielgesuchten Bildern verwerthet.

Es ist vorwiegend das Element des altdeutschen behaglichen Städtelebens, in dessen Darstellung sich Neher mit ebenso viel Geschick als Glück bewegt. Kein andrer Künstler weiß uns so in die Gassen und auf die Plätze alter Reichsstädte zu versetzen, wie er, keiner führt uns die Pracht alter Dome, wie die Anmuth zierlicher Kapellen mit solcher Wahrheit und mit so feinem Verständniß des Einzelnen wie des Ganzen vor die Seele. Seine Bilder sind mehr als Darstellungen von Gebäuden, sie sind getreue Abbilder echt germanischen Lebens, wie es in Domen und Palästen, in Gassen und Gäßchen sich bewegte.

In wunderbarer Harmonie damit stehen seine zierlich gezeichneten Staffagen, mag er sie aus dem Treiben der Gegenwart oder aus längst verklungenen Zeiten nehmen. Man hört den lustigen Taktschlag, in dem die Schlägel der Küfergesellen die Faßdauben bearbeiten, vernimmt das Gewühl des Jahrmarkts, dessen Buden auf dem großen Platze vor der Kirche lange Reihen bilden, und stille heimliche Gäßchen mit hohen Giebelhäusern sprechen uns noch behaglicher an, sehen wir moderne elegante Damen mit malerischem Federhute und wallenden Kleidern darin wandeln.

Neher’s Zeichnung ist von einer Gewissenhaftigkeit, wie wir einer solchen nur selten begegnen. Er begnügt sich nicht damit, den Schein zu geben; was er giebt ist unumstößliche Wahrheit. Man muß seine Entwürfe sehen, welche die architektonische Construction der Gebäude zeigen, um zu begreifen, wie es kommt, daß man vor seinen Bildern nie auch das leiseste Bedenken fühlt. Ebenso gewissenhaft ist seine Ausführung, so zierlich sein Vortrag, so fein und klar seine Farbe, und alles dies in harmonischem Vereine macht Neher, den bescheidenen, anspruchslosen Künstler, nicht blos zum Lieblinge aller Kunstfreunde, sondern auch zu einem der Ersten seines Faches.

Seine Bilder erfreuen sich einer außerordentlichen Verbreitung, wir begegnen ihnen in der Neuen Pinakothek des Königs Ludwig, wie in den hervorragenden Sammlungen Londons, Wiens und Berlins, zu deren schönsten Zierden sie gereichen.

Der König Maximilian II. von Bayern zeichnete ihn durch Verleihung des Verdienstordens vom heiligen Michael aus.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Zweiter Band. Leipzig, 1871.

Januar, Sektion 7

07-10-54: Franz Xaver Gabelsberger (eBook)

E. C. Schmidt: Franz Xaver Gabelsberger. Porträtsammlung des Münchner Stadtmuseums.

Franz Xaver Gabelsberger

9.2.1789 (München) – 4.1.1849 (München)
Opfer kirchlicher Verfolgung; Erfinder eines Kurzschriftsystems

  • Bayerische National-Zeitung (5.8.1834)

  • Allgemeine Zeitung (5.1.1849)

  • Neue Fränkische Zeitung (9.1.1849)

  • Der Bayerische Landbote (9 & 10.1.1849)

  • Deutsche Allgemeine Zeitung (12.1.1849)

  • Kemptner Zeitung (12.1.1849)

  • Neuer Nekrolog der Deutschen (1851)

  • Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Neuer Nekrolog der Deutschen (1851)

Franz Xaver Gabelsberger, königl. bayer. quiescirter Ministerialrath, Erfinder der deutschen Stenographie, zu München; geb. den 9. Febr. 1789, gest. den 4. Jan. 1849* (* Nach der »Deutschen Gewerbezeitung.« 1849. Nr. 10. – dem »Kunst- und Gewerbeblatte des bayer. polytechnischen Vereins.« 1849. Heft 2. u. a. Blättern.).

G. ward zu München geboren, wo sein Vater, Joh. Gabelsberger, Hofblaseinstrumentmacher war. Als Knabe bahnte er sich durch seine schöne Stimme und durch seine Ausbildung in der Singekunst den Weg in das Kloster Ottobeuern. Nach dessen Aufhebung trat er in ein Studienseminar in München; entschloß sich jedoch aus Mangel an Mitteln um eine Universität besuchen zu können, sich dem Elementarschullehrfache zu widmen. Aber seine schwächliche Gesundheit nöthigte ihn, auch diese Berufsart aufzugeben und er erhielt als Kalligraph im Jahr 1809 seine erste Anstellung bei der Generaladministration der Stiftungen im nächsten Jahr als Kanzellist bei der königl. Kreisregierung in München. Nachdem er vom Jahr 1813 an als Kanzellist der Centralstiftungskasse gedient hatte, ward er im J. 1823 zum geheimen Sekretär im Staatsministerium befördert und erhielt späterhin den Titel eines Ministerialraths. Seine Mußestunden widmete er fortwährend wissenschaftlicher Ausbildung und beschäftigte sich besonders mit Lithographie. Seine für den Gebrauch in Schulen gelieferten Vorschriften fanden reißenden Absatz; auch erfand er eine sehr zweckmäßige Vorrichtung für den Elementar-Rechenunterricht, welche unter dem Namen: »Mechanische Rechnentafeln« etwa dieselben Dienste leisten sollten, wie die Lesemaschine beim Leseunterrichte.

Doch das höhere Verdienst erwarb sich G. durch Emporbringung und Verbreitung der nach einer ganz eigenthümlichen, von ihm selbst erfundenen, für Deutsche berechneten Schnellschreibemethode, nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland. Die erste Idee dazu erfaßte er lediglich zu seinem Privatgebrauch in der Absicht, Alles, was er sich im Dienste und privatim zu notiren hatte, mit größter Zeitersparnis aufzuzeichnen. Bald aber zeigte sich ein noch viel dringenderes und umfassenderes Bedürfniß der Anwendung einer solchen Schnellschrift. Denn als sich im Jahr 1819 die bayer. Landstände zum ersten Male versammelten, war G. im Stande, einige Proben seiner Schnellschreibekunst durch Aufnahme einzelner Verhandlungen vorzulegen. Was die vorhergegangene kurze Uebung noch zu wünschen übrig ließ, holte er bald durch ungemeinen Fleiß nach und es wurden ihm von Seiten des Staats besondere Unterstützungen gewährt, um seine Kunst zu immer größerer Vollkommenheit zu erheben.

G. schrieb zu seiner Uebung Hunderte von Predigten nach und als im Jahr 1829 Langenschwarz auf dem königl. Hoftheater in München als Improvisator auftrat, zeichnete er hinter den Koulissen die Vorträge wörtlich auf. In demselben Jahre ward sein Schnellschreibesystem auf Anordnung des Ministerium des Innern von der königl. Akademie der Wissenschaften geprüft und diese sprach sich dahin aus, daß diese Schnellschreibemethode einfacher, naturgemäßer und in Bezug auf die deutsche Sprache vortheilhafter sey, als die bisher zur Anwendung empfohlenen englischen und französischen Methoden. Auf den Antrag der Landstände ward G. im J. 1831 als erster landständischer Stenograph angestellt.

Er unterrichtete seit dieser Zeit viele junge Leute in seiner Kunst der Geschwindschreiberei eben so uneigennützig als erfolgreich; seine Lehrmethode war anziehend und gründlich; viele Studirende in München wurden durch ihn in den Stand gesetzt, bei dem Besuche ihrer Kollegien von der Stenographie den vortheilhaftesten Gebrauch zu machen. Mehere Jahre hindurch beschäftigte er sich mit der Ausarbeitung eines ausführlichen Lehrbuchs der Stenographie, das im J. 1834 unter dem Titel: »Anleitung zur Stenographie. München.« im Druck erschien und von Seiten aller Sachverständigen rühmlichste Anerkennung fand. Es verdiente sie besonders darum, weil G. nicht empirisch, sondern rationell verfuhr und sein Schreibesystem aus den Tiefen der Sprache und Grammatik hervorholte. Eben darum leisten bei ihm die sinnreichsten Vortheile im Stufengange grammatikalischer Entwickelung Das, was bei anderen stenographischen Lehrmethoden gewöhnlich nur Willkür erschaffen hat. Von den Vorzügen seiner stenographischen Kunst giebt die schnelle Verbreitung derselben das beste Zeugniß.

Zu Stuttgart wurde sie durch einen Schüler G.’s, Krieg, eingeführt; in Wien gründete ein junger Mann, J. Heger, der sie lediglich aus des Meisters Werken erlernt hatte, ein stenographisches Institut, das bald zur Blüthe gelangte. Auch in Karlsruhe, Kassel, Dresden und in der Schweiz werden Schüler des erprobten Meisters beschäftigt. Selbst das Ausland scheint seine Grundsätze anzuerkennen und zur Anwendung bringen zu wollen. Im Jahr 1833 übertrug ihm das Ministerium des Innern die stenographische Aufnahme der Verhandlung in dem vor den Asfisen zu Landau schwebenden Proceß gegen Wirth und Siedenpfeiffer.

Auch nachdem er in Ruhestand versetzt worden war, bediente sich der Staatsminister von Oettingen-Wallerstein seiner oft zur Aufnahme der wichtigsten Verhandlungen und außerdem beschäftigte ihn eine in vieler Beziehung höchst eigenthümliche Telegraphenschrift, die sich besonders durch sinnreiche Bezeichnung in größter Kürze auszeichnen soll. Von seinen Bestrebungen, die Stenographie auf die richtigsten Punkte zurückzuführen, zeugt sein letztes Werk: Neue Vervollkommnungen in der deutschen Redezeichenkunst. München 1843.

Von Charakter war G. ein Muster von Sanftmuth, Biedersinn und Rechtschaffenheit; gegen seine Schüler und auswärtigen Freunde war er bis zur Aufopferung gefällig. Der wackere Mann starb am oben bezeichneten Tage, getroffen von einem Schlagflusse auf der Straße und augenblicklich dem Leben entrückt. Als bei seiner Beerdigung der Priester in seiner kurzen Rede am Grabe die Andeutung machte: »ein rascher Tod durch Schlagfluß sey ein Strafgericht Gottes« und demnach für die arme Seele zu beten aufforderte, so wäre – nach einer Korrespondenznachricht in der Deutschen Allg. Ztg. v. d. J. Nr. 12. Seite 111 – »der Priester vielleicht an Ort und Stelle gemißhandelt worden, wenn die Entrüstung dort Zeit gehabt hätte, sich nach Außen zu entladen. Dafür ist sie wie ein Blitzstrahl über ganz München hingefahren und wiederhallt in tausend Verwünschungen über den unausrottbaren Fanatismus noch zur Stunde fort.«

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1849. Weimar, 1851.

Januar, Sektion 12

12-01-09: Dr. phil. Hyazinth Holland (eBook)

Prof. Dr. Hyazinth Holland. Abbildung aus »Lebenserinnerungen eines 90jähr. Altmüncheners«. München, 1921.

Dr. phil. Hyazinth Holland / Reding von Biberegg (ps)

16.8.1827 (München) – 6.1.1918 (München)
Kunsthistoriker, Literaturhistoriker und biographischer Schriftsteller

  • Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert (1868)

  • Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert (1868)

Hyacinth Holland
(pseud. Reding von Biberegg)

wurde geboren am 18. Aug. 1827 zu München, Sohn des am 31. März 1845 verstorbenen Kreis- und Stadtgerichtsdirektors Christoph H., absolvierte das Gymnasium zu München 1846, studierte von da bis 1854 auf der Universität, erhielt 1846 von der Universität Würzburg das Diplom eines Dr. philos., und zwar rite promotus als der Autor »literarum germanicarum historiae ingenio aeque ac doctrina scriptae«. Von 1854–55 war er Erzieher im Hause des Grafen von Arco-Valley, von da an lebte er als Privatgelehrter in München und ist seit 1864 Lehrer der Geschichte und Literatur am Ascherschen Erziehungsinstitut.

Ueber den tüchtigen Literarhistoriker und Kunstkenner vgl. Brühl 806. Katholik 1854. I, 130. Hdw. 16, 228. Litz. 1857, 24. 1861, 336. 349. 1862, 364.

Gesch. d. deutsch. Literatur. Mit besond. Berücksichtigung d. bildenden Kunst. 1. (u. bis jetzt einziger) Bd. R. 1853. – Aurora. (Ged. v. ihm u. Andern.) Fb. 1854. – Minnelieder mit Randzeichnungen v. Pocci. Fb. 1855. – Altes u. Neues. (Mit Pocci.) Mn. 1855–56. 2 Bde. – Reiseblätter. Mn. 1856. – Kathol. Volkskalender. K. u. Neuß 1858. (S. Grimme.) – Gesch. d. Münchener Frauenkirche. Stg. 1859. – Kaiser Ludwig d. Bayer u. s. Stift zu Etal. Mn. 1860. – Die Entwicklung d. deutsch. Theaters im Mittelalter u. das Ammergauer Passionsspiel. Mn. 1861. – Erinnerungen an E. v. Lasaulx. Mn. 1861. – Gesch. d. altdeutsch. Dichtkunst in Bayern. R. 1862. – Ende gut, Alles gut. Erfahrungen am Krankenbette. Aus d. Engl. d. E. Price. Mn. 1863. – Deutsche Charakterbilder aus verschied. Jahrh. Mn. 1864. – Erinnerungen an Karl Freiherrn v. Leoprechting. Mn. 1866. – Die Nibelungensage. Erklär. Text zu d. Freskogemälden v. Jul. Schnorr in d. k. Residenz zu München. Mn. 1866. – Beiträge in verschied. Zeitschr.

Joseph Kehrein: Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert. Zürich, Stuttgart und Würzburg, 1868.

Dezember, Sektion 17

17-12-55: Robert Julius Beyschlag (eBook)

Robert Julius Beyschlag. Porträtsammlung des Münchner Stadtmuseums.

Robert Julius Beyschlag

1.7.1838 (Nördlingen) – 5.12.1903 (München)
Genremaler und Portraitmaler

  • Allgemeine Zeitung (8.12.1903)

  • Die Kunst (1904)

  • Allgemeines Künstler-Lexikon (1921)

  • Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Allgemeine Zeitung (8.12.1903)

Feuilleton

Robert Beyschlag †.

Der Genremaler Robert Beyschlag, geb. 1. Juli 1838 zu Nördlingen, entstammte einer alten Familie, aus welcher schon viele namhafte Gelehrte und Künstler, insbesondere im Baufache, hervorgingen. Seine rechtzeitig erkannte Begabung führte ihn auf die Münchener Akademie zu Philipp Foltz, welcher gerade damals eine zahlreiche Schar von Schülern bildete, darunter Pixis, Weißbrod, Hauschild. Schwoiser, Jos. Munsch, Heinrich Spieß u. a., welche das damals frisch aufblühende »Jung-München« begründeten, zu dessen fröhlichen Festen Beyschlag rüstig beitrug. Foltz hielt den vielbegabten Kunstjünger hoch; ihm imponierte auch sein klassisch geformter Kopf, welchen der doktrinäre Professor eines kleinen Fehlers wegen immer als eine »beschädigte Antike« pries.

Mit seinen kleinen, gern mittelalterlich kostümirten, bei gutem Formensinn und feinem Farbengefühl ansprechenden, größtenteils etwas lyrisch-sentimental angesäuselten Bildern machte Beyschlag viel Glück. Es gab da »Gretchen«, lybellenhafte »Psychen«, und Quellennymphen. Liebende, die ihr verschlungenes Monogramm einer alten Linde einschneiden, zärtliche »Nachbarkinder« und »Frühlingsgrüße,« glückliche, mit ihren holden Sprößlingen spielende junge Frauchen, eine »Erwartung« à la Schiller, wobei der schlafende Freund mit Küssen geweckt wird. Bisweilen kleidete er ähnliche Stimmungen in das moderne Leben, es gab »Geburtstagsgratulationen«, »Unterhaltungen am Brunnen«, Abschieds- und dergleichen nasse Szenen.

Auch mit antiken Stoffen versuchte er sich, gleichfalls glücklich: an einer Iphigenie, Orpheus und Eurydike, einem flötenden Hirtenpärchen. Unter dem Titel »Frauenlob« veranstaltete er eine internationale Sammlung von anmutigen und schönen, verschiedene Jahrhunderte repräsentierenden Frauenköpfen: aus dem griechischen Altertum, Früh-Christentum, der »Gotik«, der holländischen und venetianischen Blüte, im Charakter der Renaissance, des Rokoko, der Revolution-, Empire- und Biedermaier-Zeit. Wiederholte Reisen nach Paris und Italien gaben keinen neuen Zuwachs.

Ganz nach dem »historischen« Rezept seines Meisters malte Beyschlag eine Freske in die bayerische Galerie des Nationalmuseums, wie »Ludwig der Kelheimer mit dem Sultan Kamel über den Abzug der Kreuzfahrer unterhandelt« (1221) – ein »recht gut komponiertes«, festgezeichnetes und frisch koloriertes Exempel der damaligen Geschichtsmalerei. Dann kehrte Beyschlag in das ihm ganz zuständige Repertoire zurück; er brachte anmutende Familienszenen, wobei auch der leise mitspielende Humor dem Künstler neue Freunde gewann, darunter »Waldhüters Töchterlein«, »Die beiden Hasen« und der »Liebesdienst« (wie ein kleines Stumpfnäschen ihrem Brüderchen die zerrissenen Inexpressibles zunäht) u. dgl.

Eine große Anzahl fortgesetzter Erzeugnisse seines Fleißes, in Holzschnitt und Photographie reproduziert, darunter auch sehr ansprechende Bildnisse, sicherten ein dankbares Publikum dem gemütreichen Künstler, welcher nach dreiwöchentlicher, schwerer Krankheit am 5. d. M. einem glücklichen Familienleben entrissen wurde.

Allgemeine Zeitung Nr. 340. München. Dienstag, 8. Dezember 1903.

Januar, Sektion 18

18-14-11/12: Wilhelm Vespermann (eBook)

Wilhelm Vespermann

Wilhelm Vespermann

1784 (Hannover) – 8.1.1837 (München)
Regisseur, Sänger und Schauspieler

  • Allgemeine Zeitung von und für Bayern (12.1.1837)

  • Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für gebildete Stände (1847)

  • Allgemeine Deutsche Biographie (1895)

Allgemeine Deutsche Biographie (1895)

Vespermann: Wilhelm V., namhaft als langjähriges und verdientes Mitglied der Münchener Hofbühne, wurde 1784 zu Hannover geboren und betrat dort auch 1802 zuerst die Bretter. Seine Lehrjahre verbrachte er auf Wanderfahrten mit der Gesellschaft des Directors Thomala und fand dann auf längere Zeit Anstellung in Bremen, wo er in kleinem Gesangspartien (Monostatos, Antonio im Wasserträger) und in jugendlichen Rollen (Melchthal, Tempelherr) thätig war. Als weitere Stationen seiner Künstlerlaufbahn werden Hannover, Braunschweig, Magdeburg, Karlsruhe (1811), Augsburg, Wiesbaden, Mainz, Köln bezeichnet. Gleichzeitig vollzog sich seine Wandlung vom jugendlichen Helden zum Charakterdarsteller und Chargenspieler. Im J. 1816 kam er als Gast nach München und stellte sich als Franz Moor bei der ersten Aufführung der »Räuber«, die dort stattfand, mit solchem Erfolge vor, daß er 1817 für die Hofbühne angeworben wurde. Schon 1821 zum Regisseur befördert, entfaltete er eine reiche Thätigkeit als Darsteller wie als Spielleiter im Drama, wo ihm neben Eßlair namentlich das Conversationsstück zugewiesen war. Seine berühmtesten Rollen waren: Franz Moor, Soliman, Antonio (Tasso), Selbitz, Shylock, Mephisto (1830), besonders beliebt aber war er in Chargen wie Schneider Fips, Rath Seger u. dergl. Er starb zu München am 8. Januar 1837.

Heinrich Welti: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1895.

Dezember, Sektion 18

18-14-26: Josef Spitzeder (eBook)

Josef Spitzeder. Porträtsammlung Bildarchiv Austria.

Josef Spitzeder

2.9.1796 (Bonn) – 13.12.1832 (München)
Sänger und Schauspieler

  • Bayerischer Volksfreund (13.2.1832)

  • Der Bayerische Volksfreund (11.7.1832)

  • Münchner Tagsblatt (2.10.1832)

  • Münchner Tagsblatt (16.12.1832)

  • Münchner Tagsblatt (18.12.1832)

  • Allgemeine Musikalische Zeitung (23.1.1833)

  • Neuer Nekrolog der Deutschen (1834)

  • Universal-Lexikon der Tonkunst (1849)

  • Tonkünstler-Lexicon (1861)

  • Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Spitzeder Josef, geb. 1796, war der Sohn eines Sängerpaares. (Sein Vater J. B. Spitzeder war ebenfalls ein sehr bekannter Bassist, dessen Name in der Theaterwelt einen sehr guten Klang hatte. Derselbe war 1769 geboren, wurde 1789 Mitglied des kurfürstlichen Nationaltheaters in Bonn, wirkte später als Bassist in Kassel »in ersten ernsthaften Baßrollen in der Oper«, und debütierte hierauf am 27. März 1799 (als »Osmin« in »Entführung«) auf Engagement in Weimar und blieb daselbst bis zum 22. Januar 1804 um ein Engagement in Wien anzunehmen, was er jedoch später bitter bereute.) Sp. widmete sich aus Neigung ebenfalls der theatralischen Laufbahn und betrat als Schauspieler die Bühne. Man entdeckte jedoch sehr bald seine herrliche Stimme, die er in Hamburg ausbilden ließ. Er nahm zuerst in Wien Engagement (empfing dort Gesangsunterricht beim Hofkapellmeister Weigl) und erregte sowohl in komischen wie in Baßbuffopartien Aufsehen. Von dort kam er an das Königstädtsche Theater nach Berlin. Hier gefiel er besonders als »Papageno« in der »Zauberflöte«. Seine unversiegbare Laune, seine selten schöne Stimme, sowie sein mimisches Talent machten ihn bald zum erklärten Liebling der Berliner. C. L. Costenoble notiert über Sp. am 15. Mai 1823 in seinen »Tagebuchblättern«: »Spitzeder adressierte alle seine Monologe, zu meinem Ärger, an das Publikum, er scheint keinen Begriff davon zu haben, daß jeder Schauspieler sich eine Scheidewand zwischen Bühne und Parterre denken muß. Das ist um so bedauernswürdiger als Spitzeder einen ungeheuren Reichtum komischer Laune in sich trägt.« Am 15. September 1832 erhielt der nun schon berühmte Baßbuffo einen Ruf ans Münchner Hoftheater. Seiner dortigen bevorzugten Stellung konnte er sich jedoch nicht lange erfreuen, denn am 13. Dezember des genannten Jahres verschied er daselbst. Kaum hatten die Münchner Sp., diesen prächtigen Bassisten gewonnen, mußten sie schon seinen Verlust beklagen. Die deutsche Bühne besaß in ihm einen der besten Baßbuffosänger.

Sp. war zweimal verheiratet. Das erste Mal mit Henriette Schüler. Seine zweite Frau war Betty Spitzeder.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

Januar, Sektion 27

27-05-21/22: Cläre Crämer & Dipl. Ing. Hermann Crämer (eBook)

Historisches Plakat der Österreichischen Verkehrswerbung.

Dipl. Ing. Hermann Crämer

15.10.1895 – 7.1.1928 (Zürs), Opfer eines Lawinenunglücks
Dipl. Ingenieur

Cläre Crämer (vh) / Freiin von Jungenfeld (gb)

10.10.1899 – 7.1.1928 (Zürs), Opfer eines Lawinenunglücks
Ingenieurs-Gattin

  • Voralrberger Landes-Zeitung (9.1.1928)

Voralrberger Landes-Zeitung (9.1.1928)

Zwei große Lawinenunglücke im Arlberggebiet

3 Tote am Zürser See – 1 Toter bei der Ulmerhütte

Zürs, 7. Jän. Eine Münchener Skifahrergesellschaft, bestehend aus Ingenieur Hermann Crämer (geb. 1895), seiner Frau Klara Crämer und dem Studenten Hans Reim (geb. 1900), unternahm heute vormittags trotz ausdrücklicher Abmahnung ohne Führer ein Skipartie an den Zürser See. Etwa um 11 Uhr traten sie eine Lawine los, die alle drei verschüttete. Obwohl sehr rasch Hilfe an dem Unfallort erschien, konnten alle drei nur mehr als Leichen geborgen werden.
Die Angehörigen der Verunglückten in München wurden von dem Unglück verständigt. Die Leichen werden nach München überführt.

Die Rettungsexpedition.

Langen am Arlberg. 7. Jän. Heute nachmittags halb 1 Uhr unternahmen drei Herren von der Ulmer Hütte (2290 Meter) in der Valluga eine Skitour. Etwa 15 Minuten von der Hütte entfernt, beim Jahnturm, ging eine Lawine nieder. Sie erfaßte zwei von den Skifahrern, Der ein, Josef Schwienbacher aus Jenbach, konnte gerettet werden! Der andere, Georg Pfleger, Eisenhändler aus Meran, 27 Jahre alt, wurde erst nach langem Suchen bewußtlos aufgefunden. Sofort nach dem Niedergehen der Lawine wurde in Stuben eine Rettungsexpedition zusammengestellt, die in der Stärke von 15 Mann nach dem Unfallorte abging. Die Expedition suchte die Lawine, die in drei Teilen in einer Breite von 350 Meter niedergegangen war, mit Schneesonden ab. Die Lawine war stellenweise sehr leicht, stellenweise bis zehn Meter tief. Fraktionsvorsteher Richard Walch aus Stuben stieß mit einer Schneesonde auf einen Ski und so wurde Georg Pfleger aufgefunden. Er wurde sofort in die Ulmer Hütte gebracht, wo sich Dr. Prinzing aus Ulm um den Verunglückten lange, leider erfolglos bemühte. Die Leiche Pflegers wird nach Stuben gebracht.

Bericht eines Augenzeugen.

Zum Lawinenunglück. Aus einem Bericht des Bezirkshauptmannes Hofrat Dr. Strobele-Bludenz.
Bei der Partie, die am Zürser See verunglückte, war zuerst auch ein Fräulein Irma Rummel aus Berlin, die aber zurückblieb, da sie keine Felle an den Skiern hatte. Sie ging der Spur der anderen drei nach, sah diese plötzlich abbrechen und bemerkte, daß ein Schneebrett abgegangen war. Fräulein Rummel kehrte sofort um und eilte nach Zürs, um Hilfe zu holen. Um 12.15 Uhr ging die Rettungsexpedition von Zürs ab und erreichte in einer halben Stunde die Unglücksstelle; man braucht sonst für diese Strecke drei Viertelstunden. An der Expedition beteiligten sich 15 einheimische und etwa 15 fremde Skifahrer. Die Arbeiten leiteten die Skilehrer Schneider, Jochum und Schatzmann und die Hilfslehrer Mathis und Keßler. Letztere brachten auch den Rettungsschlitten mit. Zuerst wurde die Leiche des Ingenieurs Crämer aufgefunden, die etwa einen Meter tief im Schnee lag. Crämer ist, wie der anwesende Arzt Dr. Pösch feststellte, an Erstickung gestorben. Als Reim ausgegraben wurde, gab er noch Lebenszeichen. Dr. Pösch stellte Wiederbelebungsversuche an, die insoferne Erfolg hatten, als die Atmung wieder in Gang gebracht wurde. Auf dem Transporte ist Reim plötzlich gestorben, wahrscheinlich an inneren Verletzungen. Frau Crämer wurde erst nach vierstündigem Suchen aufgefunden. Sie lag zwei Meter unter dem Schnee. Nach Angabe des Arztes ist auch sie an Erstickung gestorben; Mund und Nase waren voll Schnee.
Das Unglück geschah auf der Madlochalpe, etwa drei Viertelstunden oberhalb Zürs. Das Schneebrett brach nach Nordosten gegen den See ab. Es war 70 bis 100 Meter breit, 200 Meter lang und 1 bis 3 Meter tief.
Die Verunglückten sind vom Hilfsskilehrer Friedrich Wolf, Bauernsohn von Lech, derzeit in Zürs, gewarnt worden, die Tour zu unternehmen; Wolf hatte auch mit Rücksicht auf die Lawinengefahr die Begleitung abgelehnt.
Die Brüder des Ingenieurs Crämer sind in Zürs eingetroffen. Am Montag früh werden die Leichen nach Langen gebracht und eingesargt und dann nach München überführt.
Die Leiche Pflegers ist in Stuben eingelangt. Die Stelle, wo Pfleger verunglückte, ist nach Angabe des Begleiters ganz ungefährlich. Pfleger war nur 50 Zentimeter tief im Schnee. Die Beerdigung Pflegers wird am Dienstag in Stuben stattfinden.

Wieder hat der weiße Tod vier junge, blühende Menschenleben gefordert. Vier gesunde, junge, frische Menschen mitten aus froher Bergfahrt herausgerissen und mit erbarmungsloser Hand, die keine Schonung, keine Rücksicht kennt, als Opfer gewählt und so Schmerz und Leid in Familien hineingetragen, die ihre Angehörigen auf sonniger Bergfahrt wähnten.
Seit es begeisterte Menschen gegeben hat, haben die Berge ihre Opfer gefordert und – erhalten. Die größte Erfahrung, die äußerste Vorsicht werden es auch in alle Zukunft nie vermeiden lassen, daß die Berge Einzelne als ihre Opfer unentrinnbar an sich reißen, die ihre Höhensehnsucht mit dem Leben bezahlen müssen.
Wir beugen uns auch in diesen beiden Unglücksfällen vor der Majestät des unerbittlichen Todes. Wir achten den Schmerz der Hinterbliebenen, denen ein kurzes Telegramm meldet, daß ihre Lieben, vielleicht ihr alles, nicht mehr sind. Auch wir stehen erschüttert an den Bahren, auf den vier Tote ruhen, die vor wenigen Stunden erst höhenwärts ihre Spuren durch die weißen Fluren zogen, die ihnen so grausam rasch ein unendlich großes Leichentuch werden sollten. Aber, wenn wir auch alle diese Umstände abwägen und berücksichtigen, können wir die eine Feststellung nicht unterlassen: Die Verunglückten sind vor Antritt der verhängnisvollen Tour gewarnt worden; die Zeichen sprachen für einen eingetretenen Wetterumschlag, dem früher als wohl alle dachten, vier Menschenleben zum Opfer fielen. Hätten sie, anstatt die Vorstellungen und Warnungen außer Acht lassend, auf die dort in den Bergen Wohnhaften gehorcht, sie könnten gesund und lebensfroh unter uns weilen. Schon eine einzige kurze Erwägung hätte ihnen sagen müssen, daß höchste Gefahr besteht: Die entschiedene und begründete Weigerung des Skilehrers, der, lieber auf den Tagesverdienst verzichtet, als seine Partie, und sich selbst unnotwendigerweise in höchste Lebensgefahr zu bringen und vielleicht Familien in tiefste Trauer zu versetzen. Wir können es nicht unterlassen festzustellen, daß vier dieser Opfer des weißen Todes nicht unvermeidlich waren, sondern, daß sie gefallen sind, als sie vermeinten, auf die nur allzubegründeten Warnungen nicht hören zu müssen.

Voralrberger Landes-Zeitung Nr. 6. Bregenz, Montag den 9 Jänner 1928.

Dezember, Sektion 28

28-10-18: Johann Martin Bernatz (eBook)

Johann Martin Bernatz: VIII. Tanz der Elliab und Bor-Neger. Abbildung aus »Wilhelm von Harnier's Reise am oberen Nil«. Darmstadt, 1866.

Johann Martin Bernatz

22.3.1802 (Speyer) – 19.12.1878 (München)
Architekturmaler

  • Universal-Handbuch von München (1845)

  • Allgemeine Zeitung (28.1.1879)

  • Allgemeines Künstler-Lexicon (1895)

  • Allgemeine Deutsche Biographie (1902)

  • Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Allgemeine Zeitung (28.1.1879)

Nekrologe Münchener Künstler.

II. Joh. Martin Bernatz.

»Es schadet nichts in einem Entenhofe geboren zu werden, wenn man nur in einem Schwanen-Ei gelegen hat.« Dieses im autobiographischen Hinblick auf eigene Erlebnisse gebrauchte Wort des Märchen-Dichters Andersen kam uns wieder in Erinnerung über dem vielverschlungenen Lebensgange des wackeren Bernatz. Sowohl Vasari als Karl v. Mander berichten allerlei Beispiele wie manch späterhin berühmter Name auf weiten Umwegen der Kunst zugeführt und endlich erst in die seiner Natur angemessenen Bahnen gelenkt wurde. Aber ein Schlotsteinfeger oder Kaminkehrer war früher nicht aufzuweisen. Das blieb unserem Johann Martin Bernatz vorbehalten.

Derselbe wurde am 22 März 1802 zu Speyer geboren, wo sein Vater neben dieser Hantierung das Geschäft eines Maurermeisters betrieb. Martin und sein älterer Bruder Matthäus [Matthäus Bernatz, geboren 1800 zu Speyer, besuchte das Gymnasium daselbst und die Polytechnische Schule zu Wien, trat als Bau-Ingenieur in den bayerischen Staatsdienst, leitete den Bau der Caserne zu Speyers, lebt als Oberbaurath a. D. zur Zeit noch in München. Ein Karl Bernatz baute die neue romanische Kirche zu Friedberg bei Augsburg. Vgl. Beil. 209 »Allg. Ztg.« 28 Juli 1878.], welche allein von elf Geschwistern übrig blieben, theilten sich in das väterliche Geschäft, so daß letzterer alsbald das Studium der Architektur begann, während der jüngere als Lehrling und Geselle die Rauchfänge kehrte, bis 1826 eine Lungenentzündung eine andere Lebensbeschäftigung erheischte. Hatte er zwischendurch schon gründlichen Unterricht im Zeichnen erhalten, so besuchte er nun mit seinem Bruder die polytechnische Schule in Wien, versuchte dann unter Kellerhofen in Speyer die Oelmalerei und ging während seines zweiten Wiener Aufenthalts (1827–29) zur Architektur-Malerei über. Im August 1829 kam er nach München, von wo aus Bernatz das altbayerische Hochland, ebenso Niederbayern durchstreifte, woselbst er zu Straubing durch den Regierungspräsidenten v. Mulzer den Auftrag erhielt verschiedene alte historisch merkwürdige Denkmale zu zeichnen, welche auch Sr. Maj. König Ludwig I vorgelegt wurden. Zahlreiche Oelgemälde und Aquarelle entstanden, welche, ausgezeichnet durch gewissenhafte Treue und Sorgfalt der Durchbildung, die Aufmerksamkeit unseres guten Hofraths G. H. v. Schubert erregten, als dieser 1836 seine Orient-Reise rüstete und einen tüchtigen Zeichner als Begleiter suchte. So zog Bernatz als der Dritte im Bunde mit dem leider so früh vollendeten Dr. Erdl über Konstantinopel durch Kleinasien, Palästina und die Sinai-Halbinsel nach Aegypten, alle merkwürdigen Gegenden, Bauwerke und Ansichten mit seinem Stifte festhaltend. Eine Auswahl davon auf 40 Blättern gab Bernatz nach seiner Rückkehr unter dem Titel: »Bilder aus dem heiligen Lande, nach der Natur gezeichnet,« in Stuttgart 1839 (bei Steinkopf) heraus. In Folge davon kam eine Einladung aus England sich mit Dr. Johann Roth einer nach Ostindien bestimmten Expedition anzuschließen; als die Reisenden nach halbjähriger Seefahrt zu Neujahr 1841 in Calcutta eintrafen, legten sich unübersteigliche Hindernisse dazwischen; dagegen betheiligte ich Bernatz im Auftrag der englisch-indischen Regierung an einer wissenschaftlichen Durchforschung Abessiniens.

Endlich nach mehr als dreijähriger Abwesenheit kehrte unser Zeichner zurück, welcher die Früchte seines Fleißes unter dem Titel: »Scenes in Aethiopia« (London 1852) in Steindruck von Peter Herwegen publicirte; eine deutsche Bearbeitung erschien zu Hamburg 1855 (bei R. Besser) unter dem Titel: »Bilder aus Aethiopien. Nach der Natur gezeichnet und beschrieben von Joh. Martin Bernatz, Maler der letzten brittischen Gesandtschafts-Expedition nach Schoa in den Jahren 1841–43. Gewidmet – mit besonderer Erlaubniß – der Königin Victoria von England.« Das Prachtwerk zerfällt in zwei Abtheilungen: 1) Aden und das heiße vulcanische Tiefland des Danakil. 2) Das Hochland von Süd-Abessinien und Schoa [Vgl. Beil. 314 »Allg. Ztg.« 1852 und Beil. 43 ebendaselbst 1855]. Eine kostbare Sammlung der merkwürdigsten Skizzen zur Länder- und Völkerkunde malte Bernatz in Oel für das Album Sr. Maj. König Friedrich Wilhelms IV.

Von da an galt Bernatz gleich einer wissenschaftlichen Autorität. Humboldt, Schubert, Barth und Petermann erwiesen ihm Beifall, Anerkennung und Hochachtung; sein Lob verkündete Karl Ritter und Dr. G. Parthey in Berlin (Vortrag in der Sitzung des Geographischen Vereins vom 15 December 1852). Kein Reisewerk erschien ohne wenigstens mit einigen Illustrationen von seiner Hand geschmückt zu sein, so die »Palästina-Beschreibung« von Fr. Adolf und Otto Strauß, Th. v. Heuglins »Reise nach Abessinien« (Jena 1868), W. v. Harniers »Reise an den oberen Nil« (Darmstadt 1866) u. s. w.

Seit dem Jahre 1846 hatte Bernatz sich bleibend zu München niedergelassen. Wir begegneten ihm regelmäßig auf den großen Kunst-Ausstellungen (z. B. 1858) mit Aquarellen; auch im Münchener Kunst-Verein brachte er bisweile Oelbilder, z. B. »Die nubischen Salzseen« oder die »Kirche im Sinai-Kloster« (letztere noch 1877 als großes Oelbild), oder den »Vorhof der Suleiman-Moschee zu Konstantinopel« (Juli 1874). Auch bei der Verloosung zum Besten der allgemeinen deutschen Invaliden-Stiftung spendete er eine artistische Ehrengabe (»Fluß Rori im Hochlande von Schoa«). Seine Bilder tragen vorwiegend das Gepräge der Wahrheit, oftmals selbst auf Kosten des künstlerischen Gefühls, und die Farbe wurde hart und schwer; auch bei der Wiedergabe von architektonischen Denkmalen überwog nicht die poetische Stimmung, sondern die gelehrte Treue. Was sie also auf der einen Seite für die Wissenschaft gewannen, ging freilich andrerseits theilweise für die Kunst verloren. Dessen ungeachtet bleiben seine überaus fleißigen Arbeiten doch ein Zeugniß und eine Zierde der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit.

Bernatz entschlief am 19 December 1878 nach längerem, zuletzt schwerem Leiden, mit Hinterlassung einer Wittwe und eines unmündigen Sohnes. Der Hauptheil seines Nachlasses wäre für jedes ethnographische Cabinet ein wahrer Gewinn und erfreulicher Zuwachs.

Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 28. Dienstag, 28. Januar 1879.