Kirche, Kriminalität

Die Excommunikation vor Gericht

»Wenn Liebe gegen Tugend ficht,
Wird Liebe immer siegen.«
Detailansicht der Illustration aus: Allotria Kneipzeitung Nr. 15 vom 4. Dezember 1875.

Süddeutscher Telegraph (12.1.1875)

Bayerische und Lokal-Chronik.

München, 11. Januar.

Wappen der Gemeinde Pastetten
Wappen der Gemeinde Pastetten im Landkreis Erding. Entwurf von Carlo Borst. Die Regierung von Oberbayern genehmigte mit Beschluss vom 17. Oktober 1983 die Führung des Wappens durch die Gemeinde.

(Die Excommunikation vor Gericht.) Nachstehend bringen wir nach dem Referate der Corr. Hoffm. eine principiell sehr wichtige Verhandlung gegen den kathol. Pfarrer Rahm von Pastetten wegen Beleidigung.
Erding, den 8. Januar. Vor dem k. Landgerichte Erding wurde heute Morgens unter großem Andrange des Publikums Verhandlung gegen den 49jährigen katholischen Pfarrer Rahm von Pastetten, Bezirksamt Erding, wegen Beleidigung auf Grund des Art. 185 des R.-St.-G.-B. eröffnet. Der Thatbestand stellte sich nach der Anklageschrift folgendermaßen dar. Am Samstag vor Allerheiligen vorigen Jahres ließ Pfarrer Rahm den Bürgermeister Balth. Huber und den Expositus Michael Huber von Pastetten zu sich in den Pfarrhof rufen, wohin er bereits die ledige 28jährige Wirthstochter Katharina Wegmaier von Pastetten bestellt hatte. In Anwesenheit der beiden vorgenannten Zeugen eröffnete nun der Pfarrer der Katharina Wegmaier, daß sie, weil sie am 20. September 1874 zum fünftenmale unehelich geboren habe, aus der katholischen Kirche bis auf Weiteres ausgeschlossen sei, und diese Ausschließung der ganzen Pfarrgemeinde bekannt gegeben werden solle. In der That führte Pfarrer Rahm am Allerheiligentage diese Drohung aus, indem er vor Beginn der Predigt von der Kanzel herab ein Dekret des erzbischöflichen Ordinariates München-Freising vor versammelter Gemeinde verlas, darauf die Katharina Wegmaier unter oft wiederholter ausdrücklicher Nennung ihres Namens den zur Andacht versammelten Gläubigen als »Ausbund von Schlechtigkeit« und »öffentliche Sünderin« bezeichnete, als Grund ihrer Ausschließung aus der katholischen Kirche ihren fortgesetzten unsittlichen Lebenswandel angab und hinzufügte, daß sie nun verdammt sei und ebenso jeder verdammt werde, der mit ihr innerhalb neun Monate fleischlichen Umgang pflege, daß sie, wenn sie innerhalb dieser Zeit stürbe, nicht im Friedhofe, sondern auf offenem Felde begraben werde und Jedermann das Recht habe, sie aus der Kirche hinauszujagen, wenn sie sich darin sehen lasse. In Folge dieses Vorgehens des Pfarrers Rahm stellte Katharina Wegmaier für sich und deren Vater im Namen der schwerbetroffenen Familie Klage wegen Beleidigung gegen den Pfarrer Rahm. Dieser erschien heute persönlich mit dem k. Advokaten Popp von München als Vertheidiger vor Gericht und erklärte auf den Vorhalt der Klage wörtlich: »Wir haben Generalien (Verordnungen), in welchen bestimmt ist, daß wir bei vorkommenden unehelichen Geburten die gefallenen Mädchen vorrufen und zur Besserung ihres Lebenswandels ermahnen müssen. So habe ich es auch bei der Katharina Wegmaier gehalten und ihr beim dritten Geburtsfalle gedroht, sie bei der oberhirtlichen Stelle anzuzeigen, wenn sie nochmals ein uneheliches Kind daherbringe. Als sie zum 4. Male kam, habe ich dem Ordinariate Anzeige gemacht und darauf die Anweisung erhalten, ich solle der Katharina Wegmaier vor zwei Zeugen mittheilen, wie sehr das Herz des hochwürdigsten Oberhirten über ihren Lebenswandel betrübt sei, sie solle sich bessern oder werde vom Empfange der heiligen Sakramente ausgeschlossen, wenn sie nochmals ein Kind unehelich gebäre. Nun, sie kam mit einem fünften Kind daher und ich zeigte die Sache der oberhirtlichen Stelle an. Dann erhielt ich ein Dekret des Ordinariats, ich solle die Katharina Wegmaier vorrufen, ihr vor 2 Zeugen die Ausschließung aus der Kirche protokollarisch publiziren und die angedrohte Kirchenstrafe jetzt in Vollzug setzen. Ich hatte aber einige Zweifel über die Art der Publikation und schrieb hierauf nach München, wie ich die Sache anfangen solle, und da kam die Antwort, ich solle die Ausschließung der Kath. Wegmaier erst im Pfarrhofe vor 2 Zeugen, sodann am nächstfolgenden Feiertage vor der Predigt der versammelten Gemeinde publiziren und die Ursachen und Folgen der Excommunikation auseinandersetzen. Ich fragte nachher abermals an, wie lange denn die Excommunikatin eigentlich dauere? und da kam die Antwort, daß sie nach Natur der Sache so lange dauere, bis Beweise der Besserung gegeben seien, jedenfalls solle, um die Besserung zu erleichtern, nicht vor 9 Monaten eine Lossprechung erfolgen. Darnach habe ich gehandelt.« Auf den Gegenhalt des kgl. Landrichters Kandler, warum er die Katharina Wegmaier als »einen Ausbund allen Lasters« und als »öffentliche Sünderin« gebrandmarkt, sie für verdammt erklärt und vor dem Umgange mit ihr gewarnt habe u. s. w., behauptet Pfarrer Rahm, alle diese Aeußerungen nicht gemacht zu haben; es wäre ja ein Unsinn, einen Lebenden zu verdammen. Der Vorsitzende gibt hierauf 2 Dekrete des erzbischöflichen Ordinariats München vom 3. Septbr. 1873 und vom 27. Oktbr. 1874 bekannt, worin die vorerwähnten Maßregeln gegen die Kath. Wegmaier dem Pfarrer Rahm bis ins Detail anbefohlen und als »das äußerste Heilmittel der mütterlich strafenden Kirche« bezeichnet werden, »um das Seelenheil der unbußfertigen Sünderin und die christliche Ehre der Pfarrgemeine zu retten.« Gezeichnet sind diese Dekrete vom Generalvikar Dr. Rampf.
Als Zeugen treten im Ganzen 30 Personen auf, 11 sind vom Kläger, 19 von dem Beklagten vorgeführt, und beide Parteien widersprechen sich mit aller Festigkeit. Die Wirthsfrau Marie Neumaier und deren Mann Georg Neumaier bekunden, daß der Pfarrer in seiner »Predigt« gesagt habe, die Kath. Wegmaier sei verloren, und wer mit ihr umgehe, sei auch verloren, sie werde nicht im Friedhofe begraben, »wer mit ihr umgehe, sei gerade so schlecht, wie sie selbst.« Rasierer Math. Weber hat die Worte gehört: »wenn sie nicht gut thut, so wird sie auf immer und ewig verdammt, und stirbt sie, so wird sie nicht im Freithof begraben, geläutet wird ihr auch nicht. Wer etwas mit ihr macht, wird auch verdammt.« Dem Austrägler Paul Brechschmidt ist »es ganz schauerli vorkumma«, so daß er gar nichts mehr hören wollte und aus der Kirche ging, der Bauer Martin Sautreiber und der Knecht Jakob Rappolt geben an, daß der Pfarrer den Ausdruck »öffentliche Sünderin« und »Ausbund alles Lasters« in Bezug auf Kath. Wegmaier gebraucht habe. Einige Zeugen leiden an auffallender Gedächtnißschwäche, daher sie der k. Landrichter fragte, ob sie geschlafen oder auf die Weibsleute geschaut haben, während der Pfarrer die Wegmaier excummunicirte. Von den Entlastungszeugen, darunter ein 12jähriger Bube, behaupten einige mit aller Bestimmtheit: »Nein, das hat der Herr Pfarrer nicht gesagt, das ist nicht wahr, das ist nicht gesagt worden, das gibts nicht bei unserem Herrn Pfarrer.« Einige ließen sich indeß auf wiederholte Fragen herbei, zuzugeben, daß der Herr Pfarrer so oder anders gesprochen haben könnte, sie jedoch die Worte entweder überhört oder vergessen hätten.
Zur Begründung der Klage ergreift sodann der Rechtskonzipient Herr Dr. Fuchs aus München das Wort und bezeichnet den vorwürfigen Fall als einen solchen von großem Interesse und weittragenden Folgen. Er kommt nach längeren juristischen Ausführungen zu dem Schlusse:
»Die Verurtheilung des Bischofs v. Haneberg von Speyer sei ein Präzedens für diesen Fall; die Erkenntnißgründe dieser Verurtheilung seien fast ganz auf diesen Fall anzuwenden. Im diesseitigen Bayern liege nunmehr der erste Fall dieser Art vor, und man wolle ja einen Präzedenzfall schaffen, um zu sehen, wie weit man die geistliche Strafgewalt treiben könne. Da gelte für den Staat der Grundsatz: principiis obsta, weshalb eine Verurtheilung des Pfarrers Rahm wegen seines excessiven Vergehens gerechtfertigt sei.
Der Verteidiger des Beklagten, Anwalt Dr. Popp, sieht die Absicht einen Scandal zu machen, auf der »Gegenseite.« Nach kanonischem Rechte habe Pfarrer Rahm vollständig korrekt gehandelt, weshalb er freigesprochen werden wolle. Bei der sodann folgenden Replik wies der klägerische Anwalt Dr. Fuchs das Heranziehen des kanonischen Rechts in den Bereich des deutschen Reichsstrafgesetzbuches energisch zurück. Vertheidiger Popp erwiderte: Der ganze Fall sei nach Art. 193 des Reichsstrafgesetzes zu behandeln, da eine vorgesetzte geistliche Behörde eine berechtigte Zensur geübt habe und es gleich sei, ob sich der Censirte dadurch beleidigt fühle oder nicht. Der Staatsanwaltssubstitut verzichtete auf das Wort, und der k. Landrichter sprach Abends 4 Uhr den Pfarrer Rahm auf Grund des Art. 185 des R.-St.-G.-B. eines Vergehens der Beleidigung schuldig, indem er hervorhob, daß derselbe bei dem Verhältnisse des geistlichen Vorgesetzten gegenüber einer Untergebenen zwar vollkommen berechtigt gewesen sei, kirchliche Censur zu üben, aber mit den beigefügten Ausdrücken weit über den Zweck der Censur hinausgegangen sei, indem er, statt lediglich eine Besserung der Censirten anzustreben, dieselbe öffentlich als ehrlose Person hingestellt und vor dem Umgange mit ihr gewarnt habe. Demgemäß schuldig, wurde er zu 10 Thaler Strafe, Tragung der Kosten und Publikation des Urtheils an den Gemeindetafeln des Pfarrbezirkes verurtheilt. Pfarrer Rahm legte sofort gegen dieses Urtheil Berufung ein, und der Prozeß wird nun voraussichtlich den Weg durch alle gegebenen Instanzen antreten.
Süddeutscher Telegraph Nr. 8. Dienstag, 12. Januar 1875.

Kitzinger Anzeiger (15.2.1875)

Das k. Bezirksgericht Freising hat die Berufung des k. Pfarrers Rahm von Pastetten, welche derselbe gegen das ihn wegen Beleidigung der Wirthstochter Kath. Wegmaier in 10 Thaler verfällende erstinstanzielle Urtheil ergriffen hatte, verworfen und den Beschwerdeführer auch in die Kosten der zweiten Instanz verurtheilt.
Kitzinger Anzeiger Nr. 39. Montag, 15. Februar 1875.


Grundsätze brachtest du zu mir,
Wo sind sie nun geblieben?
Ich sagte offenherzig dir:
»Mein Grundsatz ist: zu lieben!«
Wenn Liebe gegen Tugend ficht,
Wird Liebe immer siegen,
Drum troeste dich und weine nicht,
Du mußtest unterliegen.
Gesamtansicht der Illustration aus: Allotria Kneipzeitung Nr. 15 vom 4. Dezember 1875.
Theater

Paragraph 21

Alle beim königlichen Hoftheater angestellten ledigen Frauenzimmer und Wittwen, welche schwanger werden, sollen während der Zeit, wo sie dadurch vom Dienste abgehalten werden, bei der ersten Schwangerschaft nur die Hälfte ihrer Gage, im Wiederholungsfalle aber gar keine Gage erhalten. Vorstehende Bestimmung gilt auch für die nach der Scheidung von ihrem Gatten, während des Geschiedenseyns schwanger gewordenen Frauen, sofern nicht von Seite ihrer Ehegatten die Urheberschaft solchen Zustands ihrer Frauen zugestanden ist.

Disciplinar-Satzungen für das Königliche Hof- und National-Theater zu München. 1842.

Friedhof

Cadaver ist Cadaver

Vom Münchner Begräbnißwesen

Rücksichtsloser, aller Menschlichkeit hohnsprechender und unchristlicher wird kaum irgend in einer Stadt das Begräbnißwesen oder die Leichenbestattung gehandhabt als in München. Der Tod eines Familienmitgliedes wird für die Hinterbliebenen neben der Trauer auch noch zum Schrecken, denn er bedeutet für sie eine immense, wirthschaftliche Schädigung. Kirche, Magistrat und wer weiß, was noch sonst Alles, betheiligt sich an der Ausbeutung eines Todesfalles. Die Hinterbliebenen sind das Opfer eines unerhörten Unfuges geworden, und wissen in der Aufregung, die jeder Todesfall naturgemäß zur Folge hat, durch die verschiedenen Zudringlichkeiten kaum mehr, wo ihnen der Kopf steht. Der Unfug des Klassenbegräbnisses trägt zur Verbitterung der Menschen in einem Maaße bei, von dem Diejenigen, welche die faule Organisation des Begräbnißwesens noch immer aufrecht erhalten, keine Ahnung haben. Das Klassenbegräbniß ist nicht nur ein Unsinn, sondern noch mehr eine tiefverletzende Geschäftsmacherei abscheulichster Art.

Das Begräbnißwesen in München bedarf nicht etwa nur der Verbesserung, sondern fundamentaler Umgestaltung. Diese Umgestaltung hat darauf zu basiren, daß jedem Todten die gleiche Bestattung zu Theil werde, gleichviel, ob er im Leben reich oder arm war. Die Kosten des Begräbnisses werden von der Gemeinde bestritten und zwar aus einer minimalen Erhöhung der Gemeindesteuer. Dem Verlebten wird ohne Rücksicht auf Geld ein anständiges, nicht das abscheuliche, zur Zeit noch übliche Klassenbegräbniß zu Theil. Die beschämende Bezeichnung: »Reichensaal« – »Armensaal« hat aufzuhören – Cadaver ist Cadaver und verdient vom menschlichen und christlichen Standpunkte aus keinerlei Bevorzugung in der Aufbahrung und insbesondere kirchlichen Behandlung bei der Bestattung. Festangestellte »Bestattungs-Priester« verrichten ohne früheres Ansehen der Person ihre Funktion als Geistliche. Für Freireligiöse, Glaubenslose etc. finden eigene Grabredner gemeindliche Anstellung. Die Hinterbliebenen haben den Tod lediglich dem Magistrate anzumelden, der alles zur Bestattung Erforderliche zu veranlassen hat. Die Grüfte haben entweder aufzuhören, oder erhalten eine 3fache Gebührenerhöhung. Sonstige bevorzugte Begräbnißplätze existieren nicht; die Bestattung erfolgt in Bezug auf den Begräbnißplatz chronologisch nach der Sterbezeit.

Das sind in kurzen Umrissen die Grundlagen eines menschlich- und christlich-gerechten Begräbnißwesens, das heutige ist theils eine Comödie, theils eine Ungerechtigkeit, hauptsächlich aber eine furchtbare Belästigung und wirthschaftliche Schädigung für die Betheiligten und eine dauernde Nährquelle der herbsten Klassenverbitterung. Ueber das Leben hinaus sollte doch heute der Mensch keine Vorzüge mehr genießen und keine Belastungen mehr für die Hinterbliebenen werden, denen sein Weggang ohnedieß nicht selten Elend und Unglück bedeutet. Wie wir hören, soll man im Magistrate durch Anregung des neuen Referenten endlich daran gehen, eine Umgestaltung des Begräbnißwesens herbeizuführen. Möge man dort unsere Hinweise gebührend berücksichtigen und nicht etwa eine Halbheit schaffen.

Münchener Ratsch-Kathl. Mittwoch, den 15. Dezember 1897.

München

Das Alles mahnt schon an das nahe Italien

München. Ansicht von Osten mit dem Roten Tor. Lithographie von J, B. Dreseli, ca. 1830.

Zweier Vorstellungen gedenke ich besonders. Die erste ist die Fastnachtsvorstellung am 23. Februar 1841. Es besteht in München der, wie ich glaube, nur daselbst übliche Gebrauch, daß am Faßnachtsdienstag, Vormittags 10 Uhr, eine Vorstellung im Königlichen Theater gegeben wird, wie denn München auch beinahe der einzige deutsche Ort sein dürfte, wo in den Tagen des Fachings das Carneval mit seinen Lustbarkeiten und Mummereien, sowie in Italien, in den Straßen spielt. Ebenso besteht daselbst der eigene Gebrauch, daß an der Faßnachtsmittwoch, wo die Fasten beginnen, in allen Wirtshäusern große Schmäuse gehalten werden. Dies Alles mahnt schon an das nahe Italien.

Karl Theodor von Küstner: Vierunddreißig Jahre meiner Theaterleitung in Leipzig, Darmstadt, München und Berlin. 1855.

Essen & Trinken

Auseinandersetzungen mit Kellnern über mangelhafte Aufmerksamkeit fallen vollständig weg

Automatisches Restaurant. Nach dem Vorbild anderer Großstädte wird auch in München demnächst ein ständiges »Automatisches Restaurant« erhalten. Der ebenso rührige als strebsame Besitzer des Hotel und Cafe Imperial, Herr Georg Strebl, wird mit Beginn des Frühjahrs sein über 300 Quadratmeter großes Parterrelokal zu vorgenanntem Zweck einrichten und auf die splendideste und zweckmäßigste Weise die neuesten und besten automatischen Apparate aufstellen. Jedermann kann dann gegen Einwurf von einem oder mehreren Nickeln Kaffee, Bier, Wein und Cognac oder nach Belieben belegte Brödchen, warme Würste und vielerlei andere Speisen und Getränke erwerben und sich dabei selbst bedienen. Auseinandersetzungen mit Kellnern über mangelhafte Aufmerksamkeit oder irrige Rechnung fallen vollständig weg. Ebenso beansprucht der Automat kein Trinkgeld; es spielt sich für den Gast alles in schnellster, geräuschlosester und coulantester Form ab. Diese automatischen Restaurants haben sich z. B. in Berlin, Hamburg und Wien, wie auch an anderen Plätzen bestens bewährt und werden vom Publikum förmlich belagert. Auch das hiesige, welches das größte Etablissement dieser Art in Deutschland und erstes in Bayern werden soll, dürfte häufigen Zuspruch finden; wir wünschen dem Unternehmen des Herrn Strebl bestes Gedeihen und werden bei Eröffnung noch genauer darauf zurückkommen.

Münchener Ratsch-Kathl No. 19. Samstag, den 5. März 1898.

Friedhof

Das Kind schläft nur

Mosaik.

Im Würtembergischen zeigen sich große Schwierigkeiten bei der angeordneten Todtenschau. In mehren Dörfern ist das Geschäft dem Tischler anvertraut, weil er den Sarg doch zu machen habe. Die Wundärzte wollen’s nicht übernehmen, weil Ihnen der Lohn zu schlecht und die Arbeit zu »wischt« (wüst) ist.

In einem Städtchen kam neulich der Leichenbeschauer, ein Leinweber, um ein todtes Kind zu besichtigen. »Das ist maustodt«, sagte er zu dem Vater. »Nein«, sagte dieser, »Er irrt sich, das Kind schläft nur, und ist gesund; dort in jenem Bett liegt das gestorbene Kind.« Der Mann geht zu dem andern Bett und spricht: »Nun, so ist das maustodt.«

Neues Tagblatt für München und Bayern Nr. 99. Mittwoch, 10. April 1839.

Kriminalität

Furchtbarer Zorren durchbebte darob die Brust des Jünglings

Duell-Mord wegen eines Frauenzimmers.

Die Studenten Ollendorf und Robitsek waren zwei Freunde. Eines jener aufgeputzten Frauenzimmer, deren es in München übergenug gibt, übte auf den Jüngling Ollendorf einen derartigen Liebeszauber aus, daß er die Person als seine »Braut« erklärte, während sie in Wirklichkeit nichts zu sein schien als seine »Liebe«. Um als nützliches Glied in der Gesellschaft zu erscheinen, hieß sich diese »Braut« Modistin.

Die »Braut« empfing auch die Besuche des Freundes ihres Bräutigams. Es genügt, daß Robitsek bei einem derartigen Besuch der »Braut« Ollendorf’s von diesem in einer für ihn unerfreulichen Situation überrascht wurde. Furchtbarer Zorren durchbebte darob die Brust des Jünglings Ollendorf, der nun alsogleich eine Forderung auf Pistolen an seinen Freund Robitsek richtete. Dieser wollte ablehnen, da er das Fräulein »Braut« einen Waffengang nicht werth fand. Der Junge Ollendorf aber nahm die Sache so furchtbar tragisch, unbedingt dafür einen Gang auf Leben und Tod wegen des Frauenzimmers zu wagen und die Angelegenheit dem »studentischen Ehrenrathe« vorzulegen. Dieser »Ehrenrath« beschloß nun, daß die Sache mit der Schußwaffe auszutragen sei, was auch geschah.

Im Walde bei Großhesselohe erhielt nun der Student Ollendorf von Robitsek richtig ein Loch in den Bauch geschossen und der Frevel an Milla Mittlacher war jetzt gesühnt. Ollendorf starb an dem Schuß und Robitsek wurde als Duellant vor das Schwurgericht gestellt und als Duellmörder zur Strafe von einem Jahr Festungshaft verurtheilt. Den Jünglingen kann kein eigentlicher Vorwurf gemacht werden aus ihrer Handlung, desto mehr aber ihren Eltern, die sie mit viel zu viel Geld ausstatteten, um sie damit zu allerlei Allotria zu verleiten. Solch jungen Leuten, die noch keinen Pfennig zu verdienen in der Lage sind, Geld in Beträgen in die Hand zu geben, die sie in späteren Jahren in ihrem Berufe nicht zu erwerben vermögen, ist ein großer Fehler der Eltern, der sich in den häufigsten Fällen bitter rächt. Hätten die Jünglinge mit einer kleinen elterlichen Unterstützung haushalten müssen, dann wäre es zunächst dem Ollendorf nicht eingefallen, so ein Frauenzimmer anders zu taxiren als sie zu taxiren ist und hätte er sicher daran keinen Anstoß genommen, daß sie sein Freund geküßt hat, denn er hätte eine Ahnung davon gehabt, daß dieses Frauenzimmer vielleicht schon vor ihm in den Armen Anderer gelegen und auch nach ihm dieses thun wird. Er hätte sie zum Teufel gejagt und nach Bedürfniß anderswo Ersatz gesucht, den er in München hundertfältig gefunden hätte, da es hier derartige Geschöpfe in Masse gibt. Wegen eines Frauenzimmers – und wäre es selbst ein Engel in jeder Hinsicht – einen Gang auf Leben und Tod zu unternehmen, dazu gehört der ganze Wahnsinn ungelauterter Jünglinge. Von diesem Standpunkte aus wollten wir den Vorfall betrachten, vom Standpunkte der Unmoral des Duells aus wurde er schon in anderen Blättern gebührend erörtert.

Münchener Ratsch-Kathl No. 52. Mittwoch, den 29. Juni 1898.

München

Die Einwohner Münchens

Gemüths-Eigenschaften der Einwohner.

Moralischer Charakter.

Der Münchner ist gefühlvoll, aber nicht sentimental; sein Gefühl ist kräftiger Natur und nicht leicht veränderlich; sinnlichen Eindrücken ist er sehr zugänglich und gerne nachgebend. Seinem moralischen Charakter nach ist der Münchner ehrlich und bieder, in den untern Volks-Klassen bis zur Derbheit; er schmeichelt und heuchelt nicht gerne; er ist gutmüthig, daher sein Witz, den er gerne und nicht ohne Glück spielen lässt, selten verletzend; er ist freundlich im Umgang, aber nicht zuvorkommend, eher leicht misstrauisch und zurückhaltend; er ist nicht neidisch und geizig; früher mehr sparsam, ist der Bürger neuerlich nicht selten zur Verschwendung hinneigend (in München existiren drey Leih-Häuser, die häufig sehr in Anspruch genommen werden); er ist in hohem Grade mildthätig und wohlthätig und nicht leicht zählt eine Stadt so viele wohlthätige Vereine und so reichliche Spenden für Unglückliche und milde Anstalten; er ist gerne heiter und lustig und zwar oft lärmend und ausgelassen; er ist nicht händel- und streitsüchtig, wird auch nicht leicht zum Zorne gereizt oder in Affekt gebracht, wenn aber, so ist er tapfer, keck bis zur Waghalsigkeit; leicht wieder versöhnt und abgekühlt ist er ohne Rachsucht und trägt nicht lange nach; er ist geduldig und erträgt Unbill oft mit Ruhe, und Unglück mit Resignation, wofür sein Verhalten in den Cholera-Jahren 1836 und 1854 Zeugniss gibt; er ist anhänglich in der Freundschaft und Ehe, treu seinem Worte wie seiner Sitte und Gewohnheit, daher mehr zum Conservatismus geneigt und allem Umsturz, wenn auch nicht vernünftiger Reform abhold; er ist dankbar für Wohlthaten, voll Anerkennung für fremdes Verdienst, fast zu bescheiden für sein eignes. Er liebt gern Prunk und Putz, besonders die weibliche Hälfte, ist aber weder hochmüthig noch ruhmredig; er ist arbeitsam, aber kein Freund zu grosser Anstrengung, er ist endlich sehr sinnlich und genusssüchtig, liebt Tanz, Musik, Spiel und die Genüsse der Tafel und des Geschlechts oft mehr als gut und billig ist. Selbst aber bis in die tiefern Volksschichten hinab ist sein Charakter weder zur Lasterhaftigkeit noch zum Verbrechen hinneigend.

Religiöser Charakter.

In religiöser Beziehung kann der Münchner, seinen Geistes- wie Gemüths-Anlagen entsprechend, als streng kirchlich bezeichnet werden, haftet sich gern mehr an die Form als das Wesen, wesshalb ihm auch der katholische Ritus mit seinem Gepränge, seinen Prozessionen, Reliquien, Wallfahrten, Litaneyen, Bruderschaften u.s.w. mehr zusagt, als der nüchterne protestantische, dem auch nur ein Zehntheil der Bewohner, und diese meist ein gewandert, angehört. Er vergisst desshalb auch oft das Christenthum über der Kirche, die er fleissig besucht, auch gerne mit Legaten und Stiftungen bedenkt (wofür der grosse Reichthum der hiesigen Pfarreyen spricht), und deren Gebote streng eingehalten werden, besonders vom weiblichen Geschlecht; letztres hängt namentlich in der Neuzeit dem Marien-Kultus leidenschaftlich an. Er ist übrigens gottvertrauend, sowie duldsam gegen Andersgläubige, findet daher auch wenig Anstoss an gemischten Ehen, an der Zulassung der Juden zum geselligen Verkehr, an Anstalten, die verschiednen Kulten gemeinschaftlich sind, wie Krankenhäuser, Kirchhöfe, Schulen u.s.w. Seit 1803, wo das erste protestantische Kind in München getauft wurde, hat sich die Zahl der Protestanten dahier auf 16,000 gehoben. Wenig Städte mit paritätischer Bevölkerung können sich einer gleichen gegenseitigen religiösen Toleranz wie München rühmen; sowohl im ehlichen als gesellschaftlichen und politischen Verkehr wird hier selten ein Misston wahrgenommen, der in der Ungleichheit des Glaubens-Bekenntnisses seinen Grund hätte. Religiöse Schwärmerey und Hang zum Mysticismus kommen hier nur selten vor, und wenn dem Münchner auch hin und wieder abergläubische Vorurtheile ankleben, so glaubt er doch nicht mehr an Gespenster und Hexen. Dass man an einem Freytag keine Reise oder kein Unternehmen beginnen, dass man sich nicht zu Dreyzehn an die Tafel setzen soll, der Glaube an manche sympathetische Mittel oder Wirkungen u. dgl.; diese Schwäche Einiger theilt der Münchner wohl auch mit Vielen an andern Orten. Das Tischrücken und Geisterklopfen der kürzlich vergangnen Jahre hat in München nur kurze Zeit und in wenig Kreisen beschäftigt. Was wir mit Obigem über Geistes- und Gemüths-Anlagen sowie über den Charakter der Münchner Bevölkerung geäussert haben, gilt selbstverständlich von der Mittelklasse der Bewohner; die höchsten Spitzen der Gesellschaft befinden sich eben so mehr oder minder im Strome der modernen Geistesrichtung und Civilisation, als die untersten Schichten sich auf ähnlicher Stufe bewegen, wie in andern Hauptstädten, obwohl man in München eine eigentliche Volks-Hefe nicht kennt. Im Ganzen ist der Münchner Adel gut gebildet und gesittet, der Beamte anerkannt thätig und rechtschaffen, der Gewerbsmann nicht betrügerisch, aber auch nicht gerade häuslich; nur die dienende Klasse ist in neurer Zeit, durch Putz- und Genusssucht verleitet, weniger ehrlich und anhänglich geworden, als der frühere Ruf sie kennzeichnete.

Dr. Karl Wibmer: Medizinische Topographie und Ethnographie der k. Haupt- u. Residenzstadt München. Herausgegeben von einer Commission des ärztlichen Vereins in München. Zweites Heft. Die Lage, das Klima, die Stadt und die Einwohner von München. München, 1863.

Vermischtes

…und wir fühlen uns von einem solchen abgestoßen und angewidert.

Ein emancipirtes Frauenzimmer

ist uns immer noch etwas unheimliches gewesen und wir fühlen uns von einem solchen abgestoßen und angewidert. Daran ändert bei uns auch nichts, wenn so ein Frauenzimmer ein Fräulein Doktor geworden ist und ihre Weisheit Hausiren trägt. Daß ein Frauenzimmer Doktor werden kann, beweist höchstens, daß das Doktor-Diplom zu erreichen, nicht gar so schwierig sein muß und daß ein seichtes Wissen genügt um zum Doktorhut zu gelangen. Zur Zeit entflammt sich bei allen Flachköpfen eine hohe Begeisterung für so einen weiblichen Doktor, der Wandervorträge veranstaltet, anstatt im Stopfen von Strümpfen sich erheblich nützlicher zu machen. Anita Augspurg heißt der Blaustrumpf, der die dummen Weiber noch mehr verrückt macht, als sie es von zu Hause aus schon sind und dadurch geradezu gemeingefährlich wird. Wir versagen es uns auf das Thema des Frl. Doktor jur., welches sie im »Verein für geistige Interessen der Frau« behandelte, zurückzukommen. Wenn es euch darum zu thun ist, die Welt in ein einziges großes Narrenhaus zu verwandeln, dann ihr verweiberten Kreaturen von Männern empancipirt ihr nur die Weiber. Ihr könnt dann die Gänse allmählig auch der Emancipation theilhaftig werden lassen, wenn sie euch im Uebermaße ihrer Dummheit einmal zu beißen anfangen.

Münchener Ratsch-Kathl No. 13. Samstag, den 12. Februar 1898.

Anmerkung:
Anita Augspurg (* 22. September 1857 in Verden an der Aller † 20. Dezember 1943 in Zürich) war die erste promovierte Juristin des Deutschen Kaiserreichs. Sie gehörte als Schauspielerin mehrere Jahre zum Ensemble des Meininger Hoftheaters, absolvierte eine Ausbildung zur Photographin und eröffnete 1887 zusammen mit Sophie Goudstikker in München das Fotostudio »Hofatelier Elvira«. Da Frauen im Deutschen Reich der Zugang zur Universität versagt war, absolvierte sie ihr Jurastudium in Zürich.
Das Photo zeigt von links nach rechts: Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker. Fotografie des Atelier Elvira, München um 1896.

Vermischtes

Artenschutz – Ein alter Hut

Ein Gesetzentwurf gegen die Damenhüte mit Federschmuck.

Aus London wird berichtet: Der sehr berechtigte und nothwendige Kampf gegen den Vogelmord zu Putzzwecken nimmt in England anscheinend eine neue Form an. Die »Humanitarian League« will dem Parlament einen Gesetzentwurf vorlegen, um der im großen betriebenen Ausrottung der Vögel für Modezwecke Einhalt zu gebieten.

Der Antrag will die Hüte selbst treffen. Das Gesetz soll den Verkauf und Gebrauch von Federn im Putzgeschäft regeln. Die Damen würden also künftig auf das zu sehen haben, was sie tragen. Sie können ihre Hüte mit Straußenfedern, Taubenflügeln oder Pelikanköpfen schmücken, dürfen aber keine von Fischadlern, Kolibris, Paradiesvögeln, Fasanen, Seeschwalben, Sturmmöven oder Eisvögeln tragen.

Es soll nach dem Gesetzentwurf eine Strafe von 100 M. Jedem auferlegt werden, der trägt oder zum Zwecke des Tragens – ob getrennt oder an einem Hut oder anderen Stücken des Anzuges – irgend ein Theil des Gefieders oder Balges von einem der oben erwähnten Vögel besitzt, zum Verkauf anbietet oder zum Zweck des Verkaufens besitzt. Bei jeder Überführung soll das Gefieder eines solchen Vogels, das im Besitz der überführten Person gefunden wird, oder jedes Anzugstück, an dem es befestigt ist, von der Krone mit Beschlag belegt werden, und die Kosten des Verfahrens sollen von der überführten Person getragen werden. Die Vorlage ist noch nicht eingebracht worden, aber alle Bemühungen, die schönen gefiederten Geschöpfe zu schützen, werden in England sicher Unterstützung finden.

Möchte doch auch in Deutschland dieser grausamen Unsitte durch ein Gesetz gesteuert werden, da alle Appelle an das Herz und den gesunden Sinn der Frauenwelt durch die allmächtige Mode wirkungslos gemacht werden. Wo vernünftiges Zureden nicht mehr hilft, können eben nur Gesetze helfen.

Allgemeine Zeitung Nr. 192. Abendblatt. München, Samstag, 13. Juli 1901.